Digitalisierung in der Energiebranche – Interview mit Philipp Richard, dena

Interview mit Philipp Richard, Teamleiter Energiesysteme und Digitalisierung, Deutsche Energie-Agentur (dena)

Philipp Richard ist Teamleiter Energiesysteme und Digitalisierung bei der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). Die dena versteht sich als unabhängiger Treiber und Wegbereiter der Energiewende und hat seit ihrer Gründung im Jahr 2000 über 650 Projekte gestartet. Welche Rolle dabei Start-ups spielen und inwiefern die Energiebranche für neue Unternehmen spezielle Herausforderungen mit sich bringt, erläutert Philipp Richard im Vorfeld der solutions.hamburg im Redaktionsgespräch.

Redaktion: Welche Ziele verfolgt die dena?

Philipp Richard: Wir verstehen uns als Unternehmen, das an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft versucht, die integrierte Energiewende voranzutreiben. Unser großes Ziel ist die Erreichung der Klimaziele, indem der CO2-Ausstoß reduziert und der Ausbau von Erneuerbaren gefördert wird. Wir als dena unterstützen das mit unterschiedlichen Formaten. Im Politikbereich nehmen wir häufig eine beratende Funktion ein und helfen dabei, politische Botschaften in den Markt zu tragen. Im Markt selbst arbeiten wir sehr umsetzungsorientiert, setzen beispielsweise Studien auf und versuchen, mit Akteuren konkret Rahmenbedingungen für das Energiesystem von morgen neu zu definieren und dabei Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gleichermaßen mitzunehmen.

Redaktion: Wodurch entstehen für den Energiesektor durch die Digitalisierung neue Wertschöpfungspotenziale und wie kann man sie nutzen?

Philipp Richard: Grundsätzlich glauben wir, dass die Erreichung der Klimaziele ohne Digitalisierung aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr möglich ist. Der sich vollziehende Ausbau der erneuerbaren Energien und die zunehmend integriert zu denkende Energiewende führen dazu, dass die Komplexität des Energiesystems dramatisch zunimmt. Wir haben es nicht mehr mit wenigen zentralen Erzeugern zu tun, die die Energie in der Zukunft bereitstellen sollen, sondern wir haben Millionen von Assets. Ob es kleine Solaranlagen sind, Windanlagen, in der Zukunft auch eine zunehmende Zahl an Verbrauchseinheiten wie Elektromobile oder Speicher: All das führt dazu, dass immer mehr Akteure und Geräte miteinander kommunizieren müssen, um ein sicheres Versorgungssystem auf die Beine zu stellen. Und dieser Austausch kann nicht mehr ausschließlich analog erfolgen. Da wird Digitalisierung eine notwendige Komponente sein, um die Kommunikation zwischen diesen Geräten zu gewährleisten.

Redaktion: Das klingt nach einer sehr großen und auch sehr unübersichtlichen Aufgabe.

Philipp Richard: Man bekommt da schon eine Hierarchie rein. Grundsätzlich muss das Prinzip der Versorgungssicherheit weiter im Vordergrund stehen. Von daher fokussieren wir uns, wenn wir über Digitalisierung sprechen, zunächst auf diesen Aspekt. Darüber hinaus machen wir uns Gedanken, inwieweit sich durch die Digitalisierung mit Bezug auf Versorgungssicherheit die Komplexität erhöht. Da sprechen wir dann über die Notwendigkeit von Datensicherheit und Datenschutz.

Der zweite Aspekt ist die Wirtschaftlichkeit: Auch zukünftig gilt es für alle Akteure, erfolgreich zu wirtschaften. Da geht es zunächst um Prozessoptimierung. Die Digitalisierung bringt aber auch sehr viele Chancen mit, um Zusatznutzen zu stiften, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und Unternehmen die Chance zu geben, sich neu zu erfinden und ganz neue Möglichkeiten aufzusetzen.

Redaktion: Wie werden neue Ideen und Geschäftsfelder konkret entwickelt?

Philipp Richard: Wir müssen uns in der Energiewirtschaft von der klassischen Wertschöpfungskette wegbewegen. Bis jetzt hat man die Energiewirtschaft relativ eindimensional denken können: von der Energieerzeugung über die Verteilung hin zum Handel und dann schlussendlich zum Vertrieb. Durch die Digitalisierung und die Dezentralisierung spannt sich da grundsätzlich ein größerer Raum auf.

Durch die Digitalisierung und die Dezentralisierung spannt sich da grundsätzlich ein größerer Raum auf.

Wir sehen in der Zukunft auch Geschäftsfelder, die unterschiedliche Wertschöpfungsstufen kombinieren. Ein gutes und prominentes Beispiel ist da bestimmt das Prosuming: eine Kombination aus der Erzeugung von Energie und dem eigenen Verbrauch bzw. Verkauf von Energie. Aus unserer Sicht ist es ein recht konsequentes und analytisches Vorgehen, wenn man zunächst einfach mal den Raum an zukünftigen Marktfeldern betrachtet, die sich durch Dezentralisierung und Digitalisierung neu auftun. In diesen Marktfeldern selbst gibt es dann vor dem Hintergrund der Digitalisierung unterschiedlichste Möglichkeiten, neue Geschäftsfelder zu identifizieren: neue Möglichkeiten, über Plattformen nachzudenken, Software zu entwickeln, aber auch Geschäftsprozesse gänzlich neu zu denken.

Redaktion: Wie finden in Ihrem Markt die Start-ups ihren Platz? Sind das eher Menschen, die aus dem Energiewirtschaftssektor kommen und sich in dem Markt auskennen, oder sind es auch Quereinsteiger?

Philipp Richard: Beides. Es gibt Start-ups, die sehr viel Hintergrundwissen haben, was die Energiewirtschaft angeht, und auch die Rahmensetzungen der Energiewirtschaft sehr gut kennen. Diese Start-ups gehen bedachter vor. Sie sind in ihrer Entwicklung von Geschäftsmodellen ein bisschen limitierter im Ansatz, weil die Rahmensetzungen der Energiewirtschaft einfach hoch komplex sind.

Das schränkt die Entwicklung und Umsetzung von Ideen ein Stück weit ein: zu wissen, dass es Gesetzmäßigkeiten und Rechtslagen gibt, an denen man nicht vorbeikommt.

Das schränkt die Entwicklung und Umsetzung von Ideen ein Stück weit ein: zu wissen, dass es Gesetzmäßigkeiten und Rechtslagen gibt, an denen man nicht vorbeikommt.Es gibt aber auch Start-ups, die aus anderen Branchen kommen und versuchen, eine Analogie für die Energiewirtschaft zu stricken. Da haben wir schon viel Hilfestellung leisten können, weil wir diesen Start-ups erklären, wo ihre Geschäftsmodelle nicht so einfach übertragbar sind. Es gab beispielsweise die Idee, das Airbnb für die Energiewirtschaft zu bauen, um den Nachbarschaftsstrom einfach dezentral auszutauschen. Da haben einige Start-ups gemerkt, dass das nicht ganz so einfach ist, weil hinter dem ganzen kaufmännischen Abwickeln von Stromgeschäften über den Markt in der Energiebranche natürlich auch die Physik mitzudenken ist. Diese Stromflüsse müssen tatsächlich auch geliefert und nicht nur buchhalterisch abgehalten werden. Man muss einfach beide Welten im Blick haben.

Redaktion: Ist im Energiewirtschaftssektor die Komplexität durch die Digitalisierung höher als in anderen Bereichen? Und können eventuell Start-ups hier mehr Klarheit reinbringen?

Philipp Richard: Das kann ich so nicht beurteilen. Ich habe aber jedenfalls die Vermutung, dass die Dringlichkeit zum Handeln größer ist. Die Erreichung der Klimaziele drängt und die Dezentralisierung des Energiesystems vollzieht sich schon in vielen Teilen. Wie gesagt: Es sind schon zwei Millionen Assets allein in Deutschland im Markt, und das Klimathema ist ein globales Thema. Start-ups sind einfach von der Denke her ein Stück weit anders strukturiert.

Start-ups sind einfach von der Denke her ein Stück weit anders strukturiert.

Der Begriff „Digital Natives“ wirkt immer ein wenig wie ein Buzzword, aber da ist schon was dran. Digital Natives gehen grundsätzlich anders damit um, dass die Erhebung, die Verwertung, die Weiterverarbeitung von Daten in der Zukunft eine wahnsinnig wichtige Rolle spielen wird. Die Herausforderung ist, den schmalen Grat zu treffen, um auch Aspekte wie Datenschutz und Datensicherheit im Blick zu haben und den Notwendigkeiten des Energiesystems gerecht zu werden. Start-ups sind ganz wichtig, weil sie von der Art und Weise, wie sie an solche zukünftigen Modelle rangehen, risikofreudiger sind und neue Ideen und Gedankenstrukturen einbringen. Dass die nicht sofort funktionieren, so wie die Rahmenbedingungen oder die Physik das vorsehen – das ist halt so. Das ist ein normaler Prozess. Der Austausch darüber findet jetzt auch immer intensiver statt. Ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg.

Dieses Interview wurde ursprünglich auf innovation-implemented.com veröffentlicht.

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