Warum das Wesen von Geschäftsanwendungen langfristige Partnerschaften unverzichtbar macht

Einzelprojektdenke ist für die Entwicklung von digitalen Geschäftsanwendungen nicht mehr zeitgemäß. Digitale Geschäftsanwendungen müssen ständig an neue Anforderungen angepasst werden, sie müssen das Ausprobieren unterschiedlicher Geschäftsideen und die schnelle Übernahme von guten Ideen der Mitbewerber erlauben. Isolierte, abschließbare Projekte sind auf diese Anforderung keine passende Antwort. Sowohl Auftraggeber als auch IT-Dienstleister sollten sich daher bemühen, passende Partner für langfristige Kooperationen zu finden.

Der Dienstleistungssektor rund um individuelle Anwendungsentwicklung hat viele Gesichter. Im Markt sind unterschiedliche Anbieter mit verschiedensten Geschäftsmodellen und Organisationsformen etabliert: Von Expertengeschäft betreibenden Personaldienstleistern über reine, oftmals mittelständisch geprägte Projekthäuser bis hin zu weltumspannenden IT-Beratungskonzernen haben Kunden eine schier endlose Auswahl an Partnern.

Trotz der unterschiedlichen Ansätze der Anbieter ist die Abwicklung von Softwareprojekten allerdings weiterhin von einer zentralen Auffassung bestimmt: Zahlreiche Anbieter verfahren – auch aufgrund entsprechend formulierter Ausschreibungen – nach dem Motto „Wir verkaufen ein Projekt, bauen die Software und sind dann fertig“. Die Entwicklungsprozesse für digitale Geschäftsanwendungen werden dementsprechend in einzelne isolierte Projekte mit klar definierten Aufgabenstellungen gegossen und die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Dienstleister von vornherein auf einen konkreten Zeitrahmen begrenzt. Diese Herangehensweise halte ich für falsch. Es mag zwar durchaus Szenarien geben, in denen ein kurzfristiges Einzelprojekt Sinn ergibt – beispielsweise wenn die Entwicklung eines Treibers ansteht. Doch aus meiner Sicht widerspricht eine Denkweise, die das isolierte Einzelprojekt zum Normalfall erhebt, dem fundamentalen Wesen von digitalen Geschäftsanwendungen.

Denn im Gegensatz zum Bau eines Hauses, das nach einer ebenso langen wie teuren Bauphase schlüsselfertig übergeben werden kann und anschließend nur noch einen Hausmeister oder engagierte Hausbesitzer benötigt, die den gröbsten Dreck beseitigen, ist die Entwicklung einer Geschäftsanwendung meiner Erfahrung nach nicht endgültig abschließbar. Ganz im Gegenteil: Erfolgreiche Anwendungen leben. Sie leben vor allem deshalb, weil auch das Geschäft des Auftraggebers lebt und sich ständig verändert. Durch diese fachlichen Veränderungen entstehen regelmäßig neue Anforderungen an die Systeme, denen die Software durch Weiterentwicklung Rechnung tragen muss.

Dieses Phänomen ist keinesfalls auf bestimmte Branchen begrenzt: Ob nun ein Webshop beständig an wechselnde Kundenwünsche angepasst wird oder ein E-Government-Portal fortwährend neue gesetzliche Rahmenbedingungen integrieren muss – jeder Software liegt eine Dynamik zugrunde, auf die mit einer stetigen Weiterentwicklung reagiert werden muss. Zudem verlangen auch technische Neuerungen und auftretende Sicherheitslücken nach regelmäßigen Updates. Kurz gesagt: Erfolgreiche Anwendungen, die tagtäglich genutzt werden, müssen weitergepflegt und -entwickelt werden, damit sie ihren Zweck erfüllen können.

Erfolgreiche IT-Projekte haben keinen Abschluss

Angesichts dieser zentralen Eigenschaften des Anwendungsentwicklungsprozesses gehört der Mythos, dass die Entwicklung von geschäftskritischen Anwendungen zu Ende geht, meiner Meinung nach zu den größten Lügen der IT-Branche. Dennoch ist dieser Mythos weiterhin weit verbreitet und führt auf Auftraggeber-Seite immer wieder dazu, dass Projekte suboptimal aufgesetzt und gesteuert sowie falsche Return-on-Investment-Rechnungen angestellt werden. So nehmen Kunden im Rahmen dieser Berechnungen häufig die Pflege der statischen, konstanten Anwendung als Grundlage. Allerdings ist – wie wir soeben festgestellt haben – keine Anwendung, die erfolgreich ist, statisch. Man könnte sogar sagen: Statisch kann Software nur dann sein, wenn sich weder in der entsprechenden Branche noch in der Technologie Innovationen ergeben.

Doch was sollte an die Stelle des isolierten Projekts treten, wenn dieses dem eigentlichen Wesen der Geschäftsanwendungen und ihrer Entwicklung nicht entspricht? Derzeit neigen immer mehr Unternehmen zu der Konsequenz, eigene Abteilungen aufzubauen, die die benötigte Software entwickeln. Dies ist auf den ersten Blick verständlich – schließlich erhalten die Fachabteilungen auf diese Weise einen stets vorhandenen Ansprechpartner, der die Eigenheiten des Geschäfts und der verwendeten Software sehr gut kennt.

Eine derartige Herangehensweise baut auf dem Erfahrungsschatz interner Abteilungen auf. Die darüber hinausgehende partnerschaftliche Zusammenarbeit interner IT-Abteilungen mit externen IT-Anbietern erlaubt zudem die Übertragung wertvoller Erfahrungswerte aus den Kooperationen des IT-Dienstleisters mit seinen anderen Kunden. Oftmals kann sogar passende Expertise aus anderen Branchen in die Zusammenarbeit eingebracht werden. Aus meiner Sicht bieten daher auf Langfristigkeit angelegte Partnerschaften zwischen Auftraggeber und externem IT-Projekthaus die besten Möglichkeiten, den Ansprüchen an eine erfolgreiche Softwareentwicklung gerecht zu werden.

Projekte können in meinen Augen als Beginn einer möglicherweise langfristigen Partnerschaft angesehen werden. In diesem klar definierten Rahmen können beide Seiten überprüfen, ob sie sowohl menschlich als auch kulturell zusammenpassen und eine gemeinsame Sicht auf den Softwareentwicklungsprozess haben. Auf dieser Basis kann sich im Laufe der Zeit, in der der IT-Partner immer mehr von der Anwendungs- und Geschäftswelt des Kunden erfährt, eine vertrauensvolle Partnerschaft auf Augenhöhe entwickeln. Das Projekt hat somit noch lange nicht ausgedient – die Fokussierung der Anwendungsentwicklung auf einzelne isolierte und zwingend profitable Projekte dagegen schon.

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