Der Fußball spielte am 25. Mai ausnahmsweise mal eine Nebenrolle im Kölner RheinEnergieStadion. Denn dort, wo sich normalerweise die sangesfreudigen Fans des „Effzeh“ tummeln, hatte real.de zum 9. e-Commerce Day geladen, um ebenso leidenschaftlich über die Gegenwart und Zukunft des deutschen Onlinehandels zu diskutieren. Als schlechtes Omen wollten die Veranstalter die Locationwahl allerdings nicht verstanden wissen: Schließlich passt der weiterhin anhaltende Aufwärtstrend der Branche keineswegs zum eher bescheidenen Abschneiden des 1. FC Köln in der soeben abgelaufenen Bundesligasaison, die den Kölnern einen weiteren Abstieg bescherte.

Von Zweitklassigkeit war auch der e-Commerce Day 2018 meilenweit entfernt. Schließlich hatten die über 1.500 Besucher im stilvollen Ambiente des Stadion-Businessbereichs nicht nur die Möglichkeit, mit über 100 Partnern auf der Ausstellungsfläche in Kontakt zu kommen. Auch die über 30 spannenden Vorträge boten einige interessante Insights. Ein paar Eindrücke und Notizen ausgewählter Vorträge möchte ich in diesem Beitrag wiedergeben.

„Begrüßung und aktuelle Entwicklungen bei real.de“

Das erste Wort gehörte selbstverständlich den Veranstaltern Patrick Müller-Sarmiento (Geschäftsführer, real,- SB-Warenhaus), Gerald Schönbucher (Geschäftsführer, real.digital) und Jan-Philipp Blome (Geschäftsbereichsleiter New Business / Digital / Customer Data, real,- SB-Warenhaus). Neben den obligatorischen Begrüßungsworten gewährten die drei Manager auch einen Einblick in die weiteren Planungen bei real.de.

  • Ab dem 2. Juli wird real.de zum klassischen Marktplatz. Kaufverträge werden somit ab diesem Stichtag zwischen Käufer und Verkäufer geschlossen – und nicht mehr mit real.de.
  • real.de hat eine Kooperation mit drei weiteren europäischen Marktplätzen geschlossen. Auf diese Weise soll es den Händlern ermöglicht werden, ihr Sortiment auch in weiteren Märkten anzubieten.
  • Der E-Food-Bereich soll weiterhin im Fokus bleiben. Differenzieren will sich real.de dabei vor allem über ein qualitativ hochwertiges Sortiment mit zahlreichen Produkten aus biologischer Landwirtschaft und Permakultur.

„Nichts geht mehr ohne Datenschutz? Was E-Commerce-Unternehmen und Online-Shops jetzt beachten sollten“

Ganz ohne das Thema Datenschutz kam der e-Commerce-Day am Stichtag der DSGVO selbstverständlich nicht aus. Martin Hahn, Rechtsanwalt und Datenschutzexperte des Händlerbunds, war sichtlich bemüht, seinen überwiegend aus dem Handel stammenden Zuhörern die Angst zu nehmen. „Als ich heute früh aufgestanden bin, war die Sonne immer noch gelb und der Himmel blau. Die DSGVO ist also kein Weltuntergang“, beruhigte der Rechtsanwalt.

  • Die DSGVO hat viele positive Aspekte (Harmonisierung der Rechtslage innerhalb der EU, Einführung des One-Stop-Shop-Prinzips auf Behördenseite, Erreichen eines „level playing fields“).
  • Der drastisch erhöhte Bußgeldrahmen ist vor allem eine Kampfansage an global tätige Großkonzerne.
  • Für Händler sieht Hahn vor allem drei Baustellen:
    • Die Datenschutzerklärung muss schnellstmöglich aktualisiert werden. Sie bietet die größte Angriffsfläche.
    • Den erweiterten Dokumentationspflichten muss nachgekommen werden.
    • Die Verträge mit Daten verarbeitenden Dienstleistern müssen angepasst werden.
  • Viele Punkte der DSGVO sind noch unklar und müssen erst noch durch die Rechtsprechung konkretisiert werden.
  • Wichtig sei es, sich über die Anforderungen der DSGVO überhaupt Gedanken zu machen, darauf aufbauend Entscheidungen zu treffen und diese gut zu dokumentieren. Dann sei man auf Überprüfungen durch die Aufsichtsbehörden gut vorbereitet.

„E-Commerce Ideation: Aus dem laufenden Geschäft zum neuen Konzept“

Martin Groß-Albenhausen (Stv. Hauptgeschäftsführer, Bundesverband E-Commerce und Versandhandel) beleuchtete in seinem Vortrag Ansätze, wie Händler im laufenden Geschäft neue Märkte entdecken und erschließen können.

  • Leitidee: Vom Kunden her planen, nicht von der Technik.
  • Hierzu zunächst Daten vorhandener Kunden analysieren.
  • Darüber hinaus aber auch externe Informationsquellen wie z.B. Google Trends zur Beobachtung von Nachfrageverhalten und Search-Volumina nutzen, um neue Zielgruppen zu entdecken.
  • Beispiel: The Heat Company, Hersteller und Händler von Hand- und Fußwärmern
    • Traditionelle Zielgruppe: Skifahrer, Bergsteiger, Wanderer etc.
    • Über Keywordrecherchen neue Zielgruppe ausgemacht: Patienten mit Raynaud-Syndrom, die unter kalten Händen leiden.
    • Am Produkt muss zur Bedienung dieser Zielgruppe nichts verändert werden. Lediglich der Markenauftritt muss an die neue Zielgruppe angepasst werden.
    • Zielgruppen nutzen teilweise unterschiedliche Kanäle. Der Marketingcontent muss darauf abgestimmt werden.

„Quo vadis mWeb – The mobile user and his demands towards a seemless mWeb-experience“

Sebastian Grebasch (Mobile Specialist, Google Germany) gab ein paar Tipps, wie Händler die mobile Performance ihrer Onlineshops verbessern können.

  • Das Nutzerverhalten hat sich verändert: In den größten EU-Märkten greifen zwei Drittel der User primär über ihr Smartphone auf das Internet zu.
  • Es wird auch immer häufiger mobil eingekauft. Problem: Die oftmals mangelhafte digitale Infrastruktur erschwert das mobile Surfen.
  • Jeder zweite User bricht nach drei Sekunden Ladezeit ab. Aus diesem Grund muss vor allem die Performance des Onlineshops verbessert werden.
  • Bilder sind hierbei der größte Einflussfaktor. Allerdings auch Skripte, HTML und Style Sheets.
  • Lösungsansätze: Komprimieren! Cachen! Priorisieren!
  • Insbesondere der sichtbare Bereich einer Website muss möglichst schnell geladen werden. Der User glaubt, dass die gesamte Seite geladen ist, wenn dieser Bereich fertig ist.

„E-Food: Der nächste große Hype oder ein neues nachhaltiges E-Commerce-Vertikal?“

In diesem Talk tauschten sich Jan-Philipp Blome und E-Commerce-Berater Udo Kießlich über die Zukunft des Lebensmittelhandels aus. In ihren Prognosen waren sich die beiden dabei weitestgehend einig.

  • Der LEH ist das größte Handelssegment in Deutschland. Bislang ist er aufgrund von Margendruck, hoher Komplexität und hoher Filialdichte aber kaum digitalisiert.
  • Dies bedeutet allerdings nicht, dass das auch so bleibt.
  • Man kann allerdings nicht einfach den bestehenden Supermarkt auf die Onlinewelt übertragen. Daher werden auch neue Geschäftsmodelle (z.B. Picnic, Hello Fresh) entstehen. Welche Konzepte sich letztendlich durchsetzen, bleibt abzuwarten.
  • Logistik ist ein wichtiger Punkt, an dem man sich differenzieren kann. real verzichtet jedoch bewusst auf eigene Lieferflotte. Die Anzahl der auf diese Weise möglichen drops per hour ist für eine sinnvolle Kostenstruktur derzeit noch zu gering.
  • Prognose für deutschen E-Food-Markt 2023: 3-6 Prozent des LEH-Umsatzes.

„ABOUT YOU CLOUD: Die eigene E-Commerce-Infrastruktur als API-Lösung“

In seinem Vortrag stellte Sebastian Betz (Co-Founder & Managing Director, ABOUT YOU) die Beweggründe dafür vor, weshalb das Fashionunternehmen seine Infrastruktur fortan anderen Händlern als Lizenzprodukt anbieten möchte.

  • ABOUT YOU ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hat seine Infrastruktur dabei in-house aufgebaut.
  • Die Technologie wird stetig von einem großen Entwicklerteam weiterentwickelt.
  • Grundgedanke des Geschäftsmodells: Unzählige Händler beschäftigen eigene Entwicklerteams, die in ihren jeweiligen Unternehmen ähnliche Probleme lösen. ABOUT YOU will die E-Commerce-Infrastruktur bereitstellen, damit sich die Teams der Händler um Mehrwert stiftende Entwicklungen kümmern können.
  • Die erste Lösung Backbone bietet Product & Catalogue Management, Orders & Stock Management und Warehousing & Logistics Management.
  • Weitere Lösungen sind in Arbeit.

„Disruption, DHDL und was mich sonst noch bewegt“

Den Tag beschloss schließlich Frank Thelen, Founder und CEO von Freigeist Capital, der vielen Menschen durch seine Auftritte in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ bekannt sein dürfte. In einem kurzweiligen Vortrag referierte der gebürtige Rheinländer über seine Sicht auf disruptive Technologien wie KI und Blockchain und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass Deutschland es in diesen Bereichen endlich einmal wieder schafft, einen Weltmarktführer hervorzubringen. Dies sei die Voraussetzung dafür, den Wohlstand der Bundesrepublik auch in Zukunft zu sichern.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf LinkedIn veröffentlicht.

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