Amazon ist überall, mal als Vorbild, mal als Schreckgespenst – oder beides gleichzeitig. Auch in der Industrieversicherungsbranche dient der eCommerce-Riese regelmäßig als Diskussionsgrundlage für die Frage, ob nicht eine ähnliche Lösung für die Branche möglich ist, über die Versicherer und Makler Angebote präsentieren und Versicherungsnehmer als Kunden Risiken platzieren können.

Kurz & knapp

  • Netzwerk-Konzept der Internetwirtschaft & eCommerce ist weiterhin Vorbild für Industrieversicherungen.
  • Herausforderung: Die meist hochkomplexe und individuelle Risikostruktur muss abbildbar sein.
  • Es gilt, mit Mehrwertdiensten und Services den Internetgiganten frühzeitig Paroli zu bieten.

Ein Industrieversicherungs-Amazon wäre nicht weniger als die Antwort auf die große Herausforderung der Digitalisierung. Doch Anfrage, Angebot, Underwriting und schließlich Policierung sowie Bestandspflege von Versicherungen für die Industrie sind ein höchst komplexer und vielfach immer wieder neuer, individueller Prozess. Immerhin gibt es bereits Ansätze von Vergleichs- und Abschlussportalen für Kleingewerbe und freie Berufe nach dem Vorbild von Check24. Ob aber für den Versicherungsbedarf von Mittelstand und Industrie sowie für eine echte digitale Zusammenarbeit lediglich mehr Schnittstellen zwischen den vorhandenen Systemen notwendig sind oder ob die Branche sich zusammentun und gemeinsam eine neue, große Lösung hosten sollte – das ist die Gretchenfrage der Branche im neuen Jahrzehnt.

Amazon hat von Beginn an verstanden: Je mehr Marktteilnehmer mitmachen und je größer dadurch das Produktangebot, desto höher die Attraktivität und der Mehrwert der gesamten Plattform für den Kunden. Auch wenn viele Händler über Amazons hohe Gebühren stöhnen, folgen alle diesem Grundprinzip. Der Netzwerk-Effekt ist für alle der Vorteil.

Herausforderung: die digitale Abbildung der individuellen Risikosituation

„Das Geschäft aus Angebot und Policierung wie etwa im Privat- oder Kleingewerbegeschäft ist für die Industrie nicht so einfach umsetzbar“, sagt Benjamin Zühr, Leiter Digital Solutions bei der mittelständischen Makler-Gruppe Gossler, Gobert & Wolters Gruppe (GGW). „Die dahinterstehenden Risiken sind einfach individueller und komplexer. Wir müssen uns in der Industrieversicherung viel mehr Gedanken darüber machen, wie wir diese Situation digital abbilden können.“ Eine Chance sieht er in der engen Verzahnung von Versicherungs- und Risikomanagement. Industriekunden müssen initial und nach Abschluss regelmäßig Daten liefern: vom Umsatz über Mitarbeiterzahlen bis hin zu Standorten, Lagerbeschaffenheit und vielen weiteren Details. „Wenn sie ihre Risiken digital strukturieren, messen und alle Daten direkt an eine sichere Plattform mit Makler und Versicherer übermitteln, die diese Informationen austauscht und verarbeitet, wäre Kunden, Maklern und Versicherern geholfen“, findet Zühr.

Automatische Kollaboration: Die Systeme sind verbunden

Auf einer Plattform könnten Endkunden ihre Risiken einstellen, Makler dazu passende Produkte anbieten und Versicherer letztendlich die passende Deckung bereitstellen. Für meinen Kollegen Marc Philipp Gösswein, in der mgm-Geschäftsleitung zuständig für das Versicherungsgeschäft, bleibt dieses Szenario das große Ziel: „Im besten Fall muss der Kunde sich gar nicht groß einloggen, weil die Kundensysteme zumindest in Teilen mit einer wie auch immer gearteten Plattform des Maklers verbunden sind.“

Mehr noch: Dank neuer Technologien könnten Unternehmen in Zukunft beispielsweise auch Produktionsanlagen und Prozesssteuerungen digital anbinden und automatisch überwachen, ob und wann ein Risiko zur Gefahr wird. „Davon sind wir vermutlich noch fünf bis zehn Jahre entfernt“, schätzt Kollege Marc Philipp. „Aber das wird kommen, denn die Auf- und Ausarbeitung der eigenen Risikoposition mit einer besseren Messbarkeit und einer punktuellen Darstellung von Risiken hat am Ende Einfluss auf die Deckungssummen und damit die Prämien“, ist er überzeugt.

Digitalisierung heißt Plattform – heißt Geben und Nehmen

Noch ist die Frage weiterhin offen, wer so eine Software oder eine Plattform aufbauen und betreiben könnte. Bekanntlich ist die Branche einer Lösung sehr skeptisch gegenüber eingestellt, bei der Marktteilnehmer zu den Betreibern gehören. Eine Doppelrolle a la Amazon wird in der Versicherungswelt also nicht unterstützt. Zudem scheint eine andere Lösung notwendig zu sein, die Interoperabilität und damit Wechselmöglichkeiten zu anderen Anbietern bietet oder alternativ autonom mit wechselnden Konstellationen betrieben werden kann. In der Automobilindustrie ist es längst üblich, gemeinsame Investitionen in Plattformen, Komponenten und Produktionsketten zu tätigen. Auch große Versicherer teilen bereits seit vielen Jahren gewisse Daten, etwa im Umfeld von Naturkatastrophen oder im Transportbereich. Dafür gibt es bereits sehr gut genutzte technische Services, die zum Beispiel unkritische Transportwege identifizieren. Auch diese Daten ließen sich auf einer Plattform nahtlos integrieren.

Angesichts der möglichen Mitspieler auf dem Platz denken einige Akteure an eine Taktikänderung. Denn wenn etwa ein Software-getriebener Konzern wie Amazon oder Google den Versicherungsmarkt denkt, rücken Mehrwertdienste und Services in den Fokus. So gibt es sicher Versicherungskunden, die gerne über eine Plattform auch Informationen bekommen würden, die sie sonst nicht einfach so bekämen. Dazu könnte beispielsweise die Deckung von vergleichbaren Firmen, ähnlicher Größe und Länderverteilung sein oder welche Schäden es in den letzten Jahren gab und wie diese reguliert worden sind. Solche Services müssen früh gedacht werden.

Absage an die Schnittstellenoptimierung

Könnte eine bloße Schnittstellenoptimierung zwischen den Systemen der Branche denn nicht vielleicht auch ausreichen, um Angebotssoftware, Underwritingtools und Bestandsführungssysteme miteinander zu verbinden? Für Benjamin Zühr von GGW ist das auf lange Sicht nicht zielführend. „Dann gewinnt womöglich der Anbieter, der am meisten Geld hat, das Ganze umzusetzen und nicht der, der am Ende das beste Produkt hat“, so seine Bedenken. Denn es sei eine Heidenarbeit, alle Einzelplattformen und Einzelprodukte über Schnittstellen untereinander zu verbinden. „Wenn man viele Sparten mit einer Vielzahl von Versicherungsarten in seinem Portfolio hat und jeweils mit fünf oder sechs Versicherern zusammenarbeitet, dann kommt man nie an.“

Dieser Beitrag ist im Rahmen einer gemeinsamem Partnerschaft von mgm und dem Versicherungsmakler Gossler, Gobert & Wolters Gruppe (GGW) aus Hamburg entstanden und wird auch im GGW-Blog veröffentlicht. In der Reihe schreiben verschiedene Beteiligte aus und über der Praxis.

Bildquelle: tele52 / Shutterstock

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