Unser Energiesystem wird sich in den nächsten Jahren fundamental ändern. Energieversorgungsunternehmen (EVU) müssen sich auf weitreichende Änderungen in der Versorgungsstruktur und in den zugrundeliegenden gesetzlichen Regelungen einstellen. Nicht zuletzt mit den Ergebnissen der „Kohlekommission“ des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und den jetzt auf den Weg gebrachten Gesetzen wird sich die Entwicklung hin zu mehr erneuerbaren Energien beschleunigen.

 

Mehr von Marcus Warnke im Fachbuch „Realisierung Utility 4.0“

Die Energiewirtschaft befindet sich ebenso wie viele andere Branchen mitten in der digitalen Transformation. Wie dieser Umbruch erfolgreich gestaltet werden kann, beleuchtet die zweibändige Fachpublikation „Realisierung Utility 4.0“, die im Springer-Verlag erschienen ist.

Olaf Terhorst und Marcus Warnke widmen sich in ihrem Kapitel der Rolle der IT für die Utilities 4.0.

Zunehmende Volatilität in Stromerzeugung und -nachfrage stellt Energieversorger vor Herausforderungen

Strom wurde im ersten Quartal 2020 erstmals überwiegend, d.h. zu >50% aus Erneuerbaren Quellen erzeugt (Quelle. Statistisches Bundesamt). Strom in großen Teilen über erneuerbare Energien zu erzeugen bedeutet aber auch, dass die Erzeugung volatil ist, das heißt, dass zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich viel Energie erzeugt wird unabhängig von der jeweiligen Nachfrage. Dies führt zu zwei wesentlichen Effekten auf dem Strommarkt:

  1. Überkapazitäten, die durch Redispatchingmaßnahmen teuer umverteilt werden müssen und
  2. volatile Preise am Markt aufgrund teils punktuell hoher Verfügbarkeiten von Strommengen auch zu Spitzenlastzeiten.

In Zukunft wird durch den höheren Anteil an fluktuierenden Erneuerbaren Energien eine höhere Flexibilität in der Nachfrage der Energie benötigt. Services müssen neu kreiert und Preise für Netzdienlichkeiten errechnet werden, um diese zu ermöglichen. Neue, variable Nutzungsszenarien von Energie müssen entwickelt werden.

„Der mit dieser Entwicklung einhergehenden Volatilität kann nur mit geeigneten, datengetriebenen Steuerungsmechanismen begegnet werden, die diese Effekte abmildern“, sagt Marcus Warnke. Er ist in seiner Funktion als Manager bei mgm consulting partners in vielen Energiewirtschaftsunternehmen unterwegs und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Markt. Die IT spiele in der Entwicklung dieser Mechanismen eine wesentliche Rolle. „Sie wird zu einem bestimmenden Faktor der Geschäftstätigkeit“, glaubt er. Die früher vorherrschende Meinung, dass das Business den Markt schon kennen und die richtigen Lösungen entwickeln wird, gilt in Zeiten des Wandels nicht mehr. Die IT wird zu einem bestimmenden Faktor der Geschäftstätigkeit. IT ist Business und Business ist IT.

Die IT wird zu einem bestimmenden Faktor der Geschäftstätigkeit.

Die IT ist nicht mehr nur interner Dienstleister oder Innovationstreiber, sie ist vielmehr zentraler Dreh- und Angelpunkt für die Optimierung der bestehenden und den Aufbau zukünftiger Geschäftstätigkeit. Nur wenn IT und Business auf Augenhöhe kommunizieren, kann den Bedarfen des Marktes auf geeignete Weise begegnet werden. Die IT sollte sich die Frage stellen, wie die großen Mengen an Daten strukturiert und verarbeitet und wie daraus neue Anwendungen kreiert werden können. Das Business hingegen sollte hinterfragen, was Verbraucher und der Markt derzeit wirklich benötigen und zukünftig nachfragen werden. IT und Business stehen also nebeneinander, blicken in dieselbe Richtung, nur aus unterschiedlichen Perspektiven: einerseits in Richtung des Kunden und des Marktes, andererseits in Richtung der Daten und deren Verwertbarkeit. Aus diesem Spannungsfeld heraus gilt es, neue Services und Anwendungszwecke mit Stammdaten und Verbrauchsdaten zu entwickeln, die nur durch IT und Business gemeinsam getrieben werden können.

 

Die Rolle der IT in der Organisation muss neu definiert werden

Durch die veränderten Rollen und Aufgaben der IT verschiebt sich auch das Zusammenspiel zwischen IT und anderen Organisationseinheiten. Die lange praktizierte Trennung von Business und IT muss hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt werden. Heute gibt es in vielen Energieversorgungsunternehmen eine IT-Abteilung, deren Business-Partner sich um bestimmte Fachbereiche kümmert. Die einen wissen, wie Finance funktioniert und die anderen wissen, was das Netz braucht. Das ist eine differenzierte Form der Leistungserbringung, die in der Vergangenheit auch durchaus sinnvoll sein konnte, heute aber nicht ausreicht, um dem Wandel im Markt zu begegnen.

Die IT ist in vielen großen Energieversorgungsunternehmen in Funktion des CIO oder CDO anderen Vorstandsbereichen untergeordnet und wird oftmals primär als Supportfunktion, also als Kostenblock, verstanden. Bei Stadtwerken weichen die Bezeichnungen vielleicht ab, die Problematik der Führung der IT durch andere Fachvorstände bzw. die Frage nach der Rolle und Positionierung der IT im Unternehmen bleibt dieselbe.

Die grundlegende Entscheidung, welche Rolle die IT in der Organisation in Zukunft einnehmen soll, muss auf strategischer Ebene getroffen werden.

Die grundlegende Entscheidung, welche Rolle die IT in der Organisation in Zukunft einnehmen soll, muss auf strategischer Ebene getroffen werden: Leistet sie weiter nur eine Dienstleistungsfunktion oder ist sie gleichberechtigter Partner bei der Digitalisierung des Geschäftes? Soll sie vollständig oder teilweise in eine Servicegesellschaft ausgelagert werden und ihre Angebote Dritten andienen? Ist es womöglich hilfreich zwei IT-Bereiche mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Risikoprofilen zu befördern? Oder ist die IT als wichtiger Akteur für die strategische Positionierung und den Erfolg des Geschäftsmodells zukünftig auf oberster Managementebene verankert und trägt Co-Verantwortung für das gesamte Unternehmen?

Wie auch immer die Antworten lauten, auf operativer Ebene gilt es, die Innovationskraft und das fachliche Wissen der IT zurück in den Fachabteilungen (Vertrieb, Produktion, Beschaffung/Handel, Netzwirtschaft) zu bringen, um wieder innovativer zu werden und mit der Digitalisierung und ihren neuen Geschäftsmodellen Schritt zu halten. Nur wenn das Bewusstsein für die Vorteile einer interdisziplinären Zusammenarbeit dauerhaft in den Köpfen der Mitarbeiter auf beiden Seiten verankert ist und in die DNA der Organisation übergeht, können auch innovative Produkte entwickelt werden, die das zukünftige Geschäft sichern. In dieser Zusammenarbeit nimmt die IT eine essentiell wichtige Rolle für die Weiterentwicklung und zukünftige Positionierung des Unternehmens ein.

 

DevOps als Organisationsform für eine effizientere Zusammenarbeit von Business und IT

Eine Möglichkeit, die auch von einigen Unternehmen bereits in der IT angewendet wird, ist es sogenannte „DevOps“ als Organisationsform für zukünftige Szenarien auszubauen. Der Begriff DevOps ist ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen Development und IT Operations zusammensetzt und einen Prozessverbesserungs-Ansatz aus den Bereichen der Softwareentwicklung und der Systemadministration beschreibt. DevOps bestehen aus Developer und Operator und sollen einerseits die Qualität von Softwarelösungen sowie deren Entwicklungs- und Ausliefergeschwindigkeit verbessern sowie andererseits eine effektivere und effizientere Zusammenarbeit zwischen den Bereichen ermöglichen. In einer sich schnell bewegenden Welt zeigt die Erfahrung, dass es sinnvoll ist Fachkollegen, die darauf spezialisiert sind, ein funktionierendes IT-System zu betreiben, eng mit denen zusammen arbeiten zu lassen, die in der Lage sind ein System schnell zu verändern. Und das gilt gleichermaßen für die Business-Seite, weshalb sich dort die Rolle der Business DevOps als Counterparts für die IT DevOps etabliert.

Die Architekturen der IT und die Vorgehensmodelle um den Markt zu beobachten und darauf zu reagieren, müssen sich grundlegend ändern.

„Die Architekturen der IT und die Vorgehensmodelle um den Markt zu beobachten und darauf zu reagieren, müssen sich grundlegend ändern“, ist sich Marcus Warnke sicher. Dazu benötige es IT-Know-How und die entsprechenden Architekten, also Systemingenieure in den Fachbereichen. Es müssen vermehrt crossfunktionale Teams gebildet werden, die eng zusammenarbeiten und die neuen Fragestellungen gemeinsam beantworten.

Das geht nicht von heute auf morgen, denn eine solche Entwicklung bringt Veränderungen auf vielen Ebenen mit sich, z. B. bei Methoden der Zusammenarbeit und Produktentwicklung (Design Thinking, Agile Verfahren), Arbeits- und Führungskultur (insbesondere Verantwortungsverlagerung in die Teams) und letztlich Steuerung und Performancemessung.

Diese Veränderungen lassen sich nicht abstrakt, sondern nur sehr konkret umsetzen. Gut bewährt hat es sich neue Initiativen (z. B. zur Digitalisierung von Kundenschnittstellen) zu nutzen, um neue Vorgehensmodelle auszuprobieren und zu verankern. Dies kann man dann nach und nach auf andere Projekte und Bereiche ausdehnen. Dabei darf die Herausforderung an Verhaltensänderung für Mitarbeiter und Führungskräfte nicht unterschätzt werden. Die Begleitung durch (Agile) Coaches für Teams und Führungskräfte, passgenaue Trainings und eine klare Change-Kommunikation sind fast immer erforderlich und können ebenfalls in den ersten Initiativen getestet und verankert werden.

 

Energieversorger in Deutschland sind für die Zukunft noch nicht ausreichend gerüstet

Unter den ca. 1.200 Energieversorgern in Deutschland ist der Entwicklungsstand nach Einschätzung von Marcus Warnke sehr unterschiedlich und teils stark von der Größe abhängig. Von kleinen Stadtwerken bis zu großen Konzernen, die europaweit 15 Millionen Kunden bedienen, stehen den Unternehmen in unterschiedlichem Maße Kapazitäten und Ressourcen zur Verfügung, um den Entwicklungen zu begegnen. „Manche versuchen noch, sich aus der Steinzeit zu retten. Viele sind auf einem mittleren Level. Ihre IT-Abteilung ist vielleicht schon gut strukturiert und folgt bereits einem industriellen Fertigungsmodell“, sagt Marcus Warnke.

Wichtige Impulse wie die IT verändert werden kann, kommen oftmals vom Business bzw. direkt durch kundenseitige Nachfrage.

Überlegungen, wie die IT optimiert werden kann, zum Beispiel durch Outsourcing oder aber Wieder-Eingliederung von IT-Aufgaben finden bereits in vielen Unternehmen statt. Wichtige Impulse kommen allerdings oftmals von einer anderen Seite, nämlich vom Business bzw. direkt durch kundenseitige Nachfrage neuer Produkte oder Services, die EVU zu einer Reorganisation der Zusammenarbeit zwischen IT und Fachbereichen zwingt, um diese bedienen zu können.

 

Fazit

Egal, wo die Unternehmen heute stehen, sie dürfen ihr zukünftiges Geschäft nicht mehr von Energie-Erzeugung und Verteilung her denken, sondern müssen es von den Kunden, deren tatsächlicher Energienutzung und den dabei entstehenden Daten konzipieren.

Wie diese Daten am besten genutzt, verarbeitet und bewirtschaftet werden, hängt auch vom Entwicklungsstand der IT und strategischer Ausrichtung des Energieversorgungs-Unternehmens ab.

Es lassen sich drei Szenarien skizzieren: Kleinere Versorger müssen sich fragen, ob sie angesichts der Komplexität, des Entwicklungsbedarfs und der Sicherheitsanforderungen gut beraten sind, die IT weiterhin selber zu betreiben oder ob sie diese nicht besser komplett auslagern, in weiten Teilen zukaufen oder die IT zumindest gemeinsam mit anderen EVUs als Partner betreiben.

Mittelgroße Versorger sollten prüfen, ob und wie ihre IT zur Differenzierung vom Markt beitragen kann. Dabei kann das Modell „Industrialisierte IT“ Orientierung geben, bei dem der IT-Betrieb möglichst standardisiert wird und der Fokus auf die Weiterentwicklung gelegt wird. Oft bietet die überschaubare Größe Geschwindigkeitsvorteile: Manche Stadtwerke haben schon innovative Produkte auf den Markt gebracht, die sie heute Dritten anbieten.

Große Versorger haben oft schon begonnen eine dezidierte Digitalisierungs-Strategie zu entwerfen, um die Vorteile der großen Datenmengen für Produktentwicklung und Kundenbindung zu nutzen. Sie experimentieren mit DevOps-Arbeitsformen, passen Ihre IT-Architekturen an und verlagern mehr und mehr Daten in flexible Cloud-Services.

Die Unternehmen brauchen langfristig die Daten-„Ownership.

Eines ist aber für alle gleich und unabhängig davon, ob die IT selber betrieben wird, Cloud-Services genutzt werden oder Prozesse komplett ausgelagert werden: Die Unternehmen brauchen langfristig die Daten-„Ownership“ und müssen sich immer wieder damit beschäftigen, diese Daten mit Blick auf Kundeninteressen und -Erwartungen für die Verbesserung und Erweiterung ihrer Produkte und Services zu nutzen.

 

Mehr von Marcus Warnke im Fachbuch „Realisierung Utility 4.0“

Die Energiewirtschaft befindet sich ebenso wie viele andere Branchen mitten in der digitalen Transformation. Wie dieser Umbruch erfolgreich gestaltet werden kann, beleuchtet die zweibändige Fachpublikation „Realisierung Utility 4.0“, die im Springer-Verlag erschienen ist.

Olaf Terhorst und Marcus Warnke widmen sich in ihrem Kapitel der Rolle der IT für die Utilities 4.0. Ihrer Erfahrung nach entwickelt sich die IT aktuell unabhängig vom Geschäftsmodell zu einem bestimmenden Faktor. Wo bisher die IT als Dienstleister für die Fachbereiche oder das Business fungierte, wird sie nun zentraler Dreh- und Angelpunkt. IT ist Business und Business ist IT.

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