Embracing Digital Transformation – Nachbericht zur solutions.hamburg 2019

Bereits zum fünften Mal trafen sich zwischen dem 11. und dem 13. September Digitalisierungsexperten aus ganz Deutschland im Hamburger Kampnagel zur solutions.hamburg. Dass die durch den digitalen Wandel entstehenden Herausforderungen in den Jahren des Bestehens der Konferenz nicht kleiner geworden sind, bewiesen die über 5.000 Besucher und mehr als 100 Partner, die sich einmal mehr in der Hansestadt einfanden, wieder eindrucksvoll. Selbstverständlich war auch mgm vor Ort, um die Folgen der digitalen Transformation mit den Besuchern zu diskutieren.

 

Im dritten Jahr war mgm Platinum Sponsor der solutions.hamburg und hatte für den Strategy Day am 11. September eine vielfältige Vortragsreihe zusammengestellt. Zahlreiche hochkarätige Entscheider aus Industrie und Gesellschaft berichteten vor einem ebenso interessierten wie fachkundigen Publikum, welche konkreten Antworten ihre Organisationen bereits auf die Problemstellungen des digitalen Wandels gefunden haben. Getreu des Tracktitels „Embracing Digital Transformation“ konzentrierten sich die Vortragenden dabei vor allem auf die Chancen und Möglichkeiten des digitalen Wandels – ohne die selbstverständlich ebenfalls vorhandenen Problemfelder auszublenden.

Digitalisierung als Rüstzeug gegen den Klimawandel

Als ein bestimmendes Thema einiger Vorträge stellte sich der Klimawandel heraus, der seit Monaten die deutschen Schlagzeilen bestimmt und für den die Digitalisierung einige Lösungen bereithalten könnte. So berichtete beispielsweise Christa Koenen, CIO der Deutschen Bahn und CEO des IT-Dienstleisters DB Systel, in ihrer Keynote, welche Anstrengungen die Bahn unternimmt, um ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel zu leisten. Demnach wird der Konzern seine Kapazitäten in den kommenden Jahren um 30 Prozent ausbauen, um die Fahrgastzahlen deutlich erhöhen zu können. Mit einem groß angelegten Infrastrukturausbau allein sei ein derartiger Sprung jedoch nicht zu stemmen. Vielmehr müssten auch die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent genutzt werden, um die Bahn als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel zum künftigen Rückgrat der Mobilität werden zu lassen. Die technischen Herausforderungen wie die anvisierte Cloudmigration und die Integration neuer Systeme in die bestehende Legacy seien innerhalb dieses Wandels allerdings nicht der große Stolperstein. Vielmehr müssten die klassisch-hierarchischen Strukturen innerhalb der Organisation aufgelöst werden, um dem Konzern die für diese Transformation nötige Flexibilität und Schnelligkeit zu verleihen. Die Bahn sei hierbei auf einem guten Weg, der aber noch längst nicht beendet sei.

Ihr Kollege Bernd Rattey, CIO bei DB Fernverkehr, richtete seinen Blick in seinem Vortrag hingegen auf die Zusammenarbeit von Business und IT, die für ein Gelingen der Digitalisierung entscheidend ist. Angesichts der Erfolgsformel „Business x IT x Zusammenarbeit“ dürfe sich keine der Abteilungen aus relevanten Initiativen herausziehen. Dies verlange sowohl vom Business als auch von der IT ein neues Selbstverständnis. So dürfe sich beispielsweise die IT nicht länger nur als Dienstleister der Fachbereiche begreifen, sondern müsse verstehen lernen, dass auch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag dazu leistet, Metropolen zu verbinden und Regionen zu vernetzen.

Die Bekämpfung des Klimawandels ist auch für Dr. Britta Oehlrich, Stabsbereichsleiterin Geschäftsfeldentwicklung bei der Hamburger Hochbahn, ein bestimmendes Thema ihrer täglichen Arbeit. Schließlich hat sich auch das größte Verkehrsunternehmen der Hansestadt für die kommenden zehn Jahre eine deutliche Steigerung seiner Fahrgastzahlen vorgenommen. Den Schlüssel zu diesem Wachstum sieht Oehlrich jedoch nicht in den öffentlich ebenso häufig wie intensiv diskutierten Fahrpreissenkungen, da diese Geld und somit Spielraum für Investitionen aus dem System nehmen würden. Stattdessen müssten Kunden mit spannenden Angeboten vom ÖPNV überzeugt werden. Dies schließe für die Hochbahn auch neue Technologien der Mikromobilität wie Tretroller und das autonome Fahren ein. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, neue Ideen schnell testen und bei absehbarem Scheitern auch wieder vom Markt nehmen zu können. Auf die Schnauze zu fallen sei schließlich auch eine Art der Vorwärtsbewegung.

Der digitale Wandel dreht den Energie- und den Versicherungsmarkt auf links

Doch nicht nur die Mobilitätsbranche spürt die Diskussion um den Klimawandel. Wie Philipp Richard, Teamleiter Energiesysteme und Digitalisierung bei der Deutschen Energie-Agentur (dena), in seiner Präsentation erklärte, stehe auch der Energiesektor vor erheblichen Veränderungen. So sei beispielsweise von einer spürbaren Dezentralisierung der Energieerzeugung auszugehen, die auch zahlreiche neue und neuartige Akteure in den Markt spülen werde. In diesem Umfeld das nötige Vertrauen zu schaffen, um schnell und effizient zusammenarbeiten zu können, sei eine der größten Herausforderungen der Energiewirtschaft. Die Blockchaintechnologie könne an dieser Stelle eine wertvolle Hilfe sein.

Über die konkreten Herausforderungen der Energieversorger sprach auch Matthias Schwanitz, Chief Sales Officer Municipality bei rEVUlution. Der Energiemarkt sei vor allem durch ein neues Kundenverhalten geprägt. Demnach erwarten Kunden heutzutage nicht nur digitale Services, sondern sind auch immer stärker bereit, ihren Energieversorger zu wechseln, um Geld zu sparen. Diese Entwicklung, die auch durch einen steigenden Wettbewerb forciert wird, setzt die Unternehmen zunehmend unter Preisdruck und zwingt sie zu erheblichen Effizienzsteigerungen. Die nicht wertschöpfenden Prozesse konsequent zu hinterfragen, ohne das Kundenerlebnis zu schmälern, ist aus Schwanitz‘ Sicht der Balanceakt, den Energieunternehmen in diesem Umfeld bewältigen müssen.

Vor großen Unwägbarkeiten steht im Zuge der Digitalisierung auch die Versicherungsbranche, die im mgm-Track unter anderem Robert Weidinger, CDO der Lebensversicherung von 1871, vertrat. Weidinger warb in seinem Vortrag jedoch dafür, in diesen Herausforderungen vor allem Chancen zu sehen. So biete der digitale Wandel zahlreiche Möglichkeiten, bestehende Geschäftsmodelle zu optimieren (Digital Enabling), existierende Geschäftsfelder und Vertriebswege zu erweitern (Digital Expansion) sowie gänzlich neue Geschäftsfelder zu erschließen (Digital Innovation). Auf die damit verbundenen Veränderungen müssten aber sowohl die Systeme und Prozesse als auch die Firmenkultur und die Mitarbeiter vorbereitet werden. Eine vorher definierte Firmenmission wie im Falle der LV1871 der „Erhalt der Lebensqualität“ könne hierfür einen geeigneten Rahmen bieten.

Auch Detlef Gastner, Lead Project Manager bei der ersten digitalen Krankenversicherung ottonova, sieht die Versicherungsbranche vor einem fundamentalen Wandel. Versicherungen könnten es sich heutzutage nicht mehr erlauben, ihren Kunden kein komfortables, integriertes und intuitives Erlebnis zu bieten und sie nach dem Vertragsabschluss allein zu lassen. Daher setze sein Unternehmen beispielsweise mit einem Conciergeservice, automatischen Arztterminvereinbarungen und Videochats mit Medizinern auf strikte Kundenorientierung. Der Kunde wolle es digital.

Kundenorientierung ist ein wichtiger Schlüssel

Strikte Kundenorientierung spielt auch beim Finanzunternehmen Barclays eine tragende Rolle, wie Head of Digital Capabilities Kirstin Hütz berichtete. Schließlich müssen sich auch Banken und Zahlungsdienstleister mit zahlreichen Veränderungen auseinandersetzen. Der Markteintritt neuer Player, technologische Entwicklungen wie das Mobile Payment sowie regulatorische Vorgaben wie PSD2 hätten das Potenzial, die Paymentindustrie tiefgreifend umzukrempeln. Um sich in diesem volatilen Geschäftsumfeld durchzusetzen, sei eine Orientierung am User Centric Design eine notwendige Voraussetzung.

Konkrete Kundenwünsche waren auch der Grund, warum zurzeit das Schiffsregister in Hamburg digitalisiert wird. Bislang werden Neuregistrierungen und Änderungen in den Besitzverhältnissen in analogen Registerbüchern vorgenommen, womit ein hoher und zeitintensiver Arbeitsaufwand verbunden ist. Bei Verzögerungen besteht zudem die Gefahr, dass Schiffe im Hafen bleiben müssen und betroffene Reeder Geld verlieren. Um den eigenen Hafenstandort zu stärken, hat sich die Hansestadt daher entschlossen, innerhalb von zwölf Monaten eine schlanke digitale Anwendung zu entwickeln, die auch als Prototyp für weitere Digitalisierungsinitiativen im öffentlichen Sektor dienen kann. Laut IT-Leiter Florian Strunk, der das Projekt auf der mgm-Bühne vorstellte, soll die Applikation bereits am 1. Januar 2020 livegehen, womit sicherlich der Beweis erbracht wäre, dass erfolgreiche Digitalisierungsprojekte auch in den angeblich verstaubten deutschen Amtsstuben möglich sind.

Mit digitalen Initiativen bereits vertrauter sind mit Sicherheit Tim Döppner, Managing Director of Digital Platform, und seine Kollegen der Schwarz IT. Schließlich managen sie mit dem Onlineauftritt von Lidl einen der größten E-Commerce-Händler Deutschlands in einem äußerst wettbewerbsintensiven Umfeld. Dennoch muss auch bei einem solch erfolgreichen Onlinehändler stetig an Problemen gearbeitet werden, die die Handlungsfähigkeit des Unternehmens bedrohen. Von der Gefahr der Abhängigkeit von externem Wissen über die Schwierigkeit der Verbindung von Business und IT bis zur Angst vor Agilität – in seinem Vortrag gab Tim Döppner zahlreiche Tipps, wie auch Großkonzerne innovativ und flexibel bleiben können.

Der Mitarbeiter steht als Mensch im Mittelpunkt

Vor ganz ähnlichen Problemen steht auch die Robert Bosch GmbH. Laut Anke Dewitz-Grube, Director Consultant für Lean Agile Transformation, kann bei der notwendigen Neuorientierung insbesondere der Blick auf Firmengründer Robert Bosch helfen. Auch er hätte in seiner Zeit sein Geschäft immer wieder neu ausrichten und diversifizieren müssen. Veränderungen gab es demnach schon immer, lediglich die Art der Veränderungen habe sich durch die Digitalisierung verändert. Neu sei vor allem, dass man sein Geschäft ausrichten müsse, obwohl man im VUCA-Umfeld kein Ziel mehr voraussagen könne. Hierauf müssten die Mitarbeiter vorbereitet werden, beispielsweise in Coachinggesprächen.

Mit den Auswirkungen des Wandels auf den Mitarbeiter beschäftigte sich auch Arndt Frischkorn, Leader Transformation & Capture Support bei Saint-Gobain, in seinem Talk. Die digitale sowie die agile Transformation stellen seiner Ansicht nach sowohl Führungskräfte als auch normale Mitarbeiter vor neue Herausforderungen, die mitunter bedrohlich wirken können. Dass Betroffene in dieser Lage auf evolutionär vorgegebene Bewältigungsstrategien (Gegen die Gefahr ankämpfen, Flucht, Totstellen) zurückgreifen, sei nur natürlich. Klassisches Coaching reiche an dieser Stelle nicht aus, da dieses nur das Bewusstsein sowie das Wissen der Mitarbeiter anspreche. Das Unterbewusstsein, das sich zeitlebens durch die Erfahrungen des Mitarbeiters geformt hat, habe jedoch ebenfalls erheblichen Einfluss auf das Verhalten. Daher sollte dieses bei Coachingmaßnahmen ebenso angesprochen werden. Dies sei ein langwieriger und intensiver Prozess, der sich jedoch lohne. Dieser Ansicht konnten sich die zahlreichen Besucher des mgm-Tracks vorbehaltlos anschließen.

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