Im Podcast Utility 4.0 spricht Timo Eggers mit Marcus Warnke (mgm consulting partners) über den Aufstieg von „cloud-native-Companies“ wie powercloud oder epilot und darüber, was das über den Wandel der IT im Energiesektor sagt. Auch sprechen sie über die Rolle von AWS (Amazon Web Services) als Cloud-Dienstleister für immer mehr Energieunternehmen.

Sie versuchen diese Entwicklungen mit der Situation von Stadtwerken und anderen Energieversorgungsunternehmen zu mappen. Wie sollen diese Unternehmen den Spagat zwischen Super-Usability und Super-Safety in ihrer IT-Landschaft technologisch, personell und konzeptionell erfolgreich umsetzen? Wie verändert sich die Rolle der klassischen IT? Welche strategischen Fragen muss man bei aller Pragmatik ganz am Anfang klären? Zum Schluss streifen sie dann noch kurz die Rolle und Relevanz von Open-Data und Open-Source-Software.

Hören Sie dazu unseren mgm Podcast Folge #08 oder lesen Sie unten das schriftliche Interview. Hier finden Sie den Podcast im Original.

Interview

Redaktion: Willkommen bei Utility 4.0, dem neuen Podcast über die digitale Transformation der Energiewirtschaft mit und von Oliver Doleski und Timo Eggers. Heute geht es ums Thema IT für Utility 4.0. Zu Gast im Podcast ist Marcus Warnke von mgm consulting partners. Wir sprechen unter anderem über den Aufstieg der sogenannten Cloud Native Companies wie powercloud oder e-pilot und darüber, was das über den Wandel in der IT im Energiesektor aussagt. Natürlich reden wir auch über AWS, die immer als Cloud-Dienstleister dahinterstehen. Wir gehen auf die Frage ein, wie Energie-Versorgungsunternehmen den Spagat zwischen Super-Usability, die heute vom Endkunden erwartet wird, und Super-Safety, die wir brauchen, um die Energiesysteme sicher zu halten und den Anforderungen des Datenschutzes zu entsprechen, schaffen können. Wie schafft man das als Energieversorger mit diesen Entwicklungen im Hinterkopf technologisch, personell und konzeptionell? Wie verändert sich die klassische IT? Welche strategischen Fragen muss man sich stellen? Wir sprechen auch kurz über die Themen Open Data und Open Source-Software in der IT, auch für die Energiewelt. Ich glaube, dass das ein schönes kleines Paket ist. Via Skype ist Marcus Warnke von mgm consulting partners am Apparat. Wir werden dieses Unternehmen noch vorstellen. Marcus hat mit seinem Kollegen Olaf Terhorst einen Artikel über die Rolle der IT für die Utility 4.0 geschrieben. Der Untertitel lautet ‚Vom nachgelagerten EDV-Dienstleister zum gleichberechtigten Teil des Business‘. Darüber sprechen wir jetzt. Ich freue mich sehr, Marcus, dich begrüßen zu dürfen.

Marcus Warnke: Schönen guten Abend, Timo! Ich freue mich sehr, dass wir heute über dieses etwas exotische Thema sprechen. Es ist gar nicht so akademisch, wie der Titel vielleicht klingen mag.

Redaktion: In diesen Büchern wirkt das immer so. Es geht um die Rolle der IT, aber auch um Marcus Warnke. Erzähl uns ein bisschen von dir, Marcus! Was sind das für Menschen, die verrückt genug sind, um so einen Buchbeitrag zu schreiben? Was treibt sie an?

Marcus Warnke: Ich bin Marcus Warnke und lebe schon seit dreißig Jahren in meiner wunderschönen Wahlheimat Hamburg. Ich arbeite in der Firma mgm consulting partners. Das ist eine Consulting-Firma, die unter anderem in der Energiebranche unterwegs ist, aber auch viel mit IT-Dienstleistern zu tun hat. Deswegen passt das. Es gibt gewisse inhaltliche Schnittmengen. Zusammen mit Olaf Terhorst bin ich im Management-Team. Irgendwann haben wir beschlossen, etwas zu diesem wichtigen Thema zu machen. Wir haben Oliver Doleski gefragt, ob er das sinnvoll findet. Dann haben wir uns zusammengesetzt und diesen Artikel geschrieben. Darin reflektieren wir die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre mit Ausblick auf die kommenden zehn Jahre.

Redaktion: Marcus, wie bist du Berater geworden? Hast du klassisch BWL studiert, wie man sich das vorstellt? Wie war dein Weg?

Marcus Warnke: Ich bin eigentlich ein Exot. Bei uns in der Firma aber nicht unbedingt, weil wir relativ viele Exoten haben. In meiner Ursprungsprofession bin ich Diplompädagoge. Ich habe mich sehr viel mit Lernprozessen von Menschen, aber auch von Organisationen beschäftigt. Damit kommt man schnell in die Personalentwicklung, die Organisationsentwicklung, Veränderungsprozesse und Change-Management. Das sind die Pfade, die sich da anschließen. Ich habe eine systemische Beraterausbildung. Ich bin Organisationsentwickler und Coach mit einem systemischen Hintergrund. Mittlerweile bin ich auch viel in agilen Welten unterwegs. Ich habe mein ganzes Berufsleben lang Entwicklungsprozesse begleitet und Beratungen durchgeführt. Das mache ich seit ungefähr zwanzig Jahren. Seit gut zehn Jahren bin ich mit der mgm zusammen in der Energiebranche unterwegs. Mein Interesse fürs Thema Energie war schon vorher da, weil ich bereits sehr früh daran gearbeitet habe, dass wir einen Wandel in Richtung eines neuen Energiesystems und erneuerbarer Energien schaffen. Mich hat sehr früh interessiert, was passiert da eigentlich? Wie ändert sich dieser Markt? Was bedeuten die Änderungen, die da gerade passieren? Was bedeuten die Regularien und die Dynamik durch die erneuerbaren Energien und die volatilen Energiesysteme für den Markt, aber auch für jedes einzelne Unternehmen? Das hat mich ziemlich lange beschäftigt und tut es auch heute noch. Wir erleben gerade eine wahnsinnig spannende Zeit, weil alle, die in dieser Branche unterwegs sind, Mitgestalter einer zukünftig digitalisierten Energiebranche und eines neuen und anderen Energiesystems sind. Das finde ich aufregend.

Redaktion: Das kann ich gut nachvollziehen. Es gibt ja viele Branchen, in denen Megatrends aufeinandertreffen. In der Energiebranche ist das aber besonders wichtig für den Planeten. Ohne pathetisch zu sein, ist es extrem wichtig, dass das klappt. Marcus, was möchtest du in deinem Job noch erleben? Du arbeitest ja noch ein paar Jahre. Gibt es etwas, was du noch gerne erleben würdest? Würdest du gerne sehen, dass etwas Bestimmtes funktioniert?

Marcus Warnke: Auf jeden Fall. Ich würde gerne miterleben, dass wir eine Energiebranche, ein Energiesystem und ein Marktdesign haben, die darauf abzielen, dass eine erneuerbare volatile Energieerzeugung wirklich gut funktioniert. Das sollte selbstverständlich sein. Derzeit haben wir im Markt eine Grundlast und ein paar Jahre Lasten darüber. Das wird sich in den nächsten zehn Jahren umdrehen. Ich freue mich darauf, zu sehen, wie das entsteht. Wir werden eine andere Welt haben, in der wir uns bewegen.

Redaktion: Lass uns in diese IT-Welt einsteigen. Natürlich habe ich euren Beitrag gelesen. Mir fallen aber auch zwei Pressemitteilungen ein, die ich gelesen habe. In der einen hieß es, dass die EnBW-Tochter Yello von SAP zu powercloud wechselt. SAP kennt jeder. powercloud ist ein relativ neuer Abrechnungsanbieter. Im Artikel stand, dass der ERP-Platzhirsch von powercloud abgelöst wird. In der anderen Pressemitteilung habe ich gelesen, dass die Stadtwerke Karlsruhe zukünftig auf e-pilot setzen. Das ist eine Cloud-Lösung, mit der man komplexe Frontend-Prozesse für neue Dienstleistungen sehr einfach umsetzen kann. Die Stadtwerke Karlsruhe setzen sie jetzt vorne im Vertrieb ein. Ich finde es bemerkenswert, dass man von SAP weggeht. In der Energiebranche ist SAP immer ein großes Thema gewesen. Das gilt natürlich auch für große Unternehmen wie EnBW. Meinst du, dass diese Meldungen etwas über den Wandel in der IT-Landschaft in Deutschland aussagen? Kann man daraus Hintergründe erspüren? Kann man aus deiner Sicht etwas daraus lernen?

Marcus Warnke: Ich glaube, dass sie sehr viel aussagen. Man kann diese beiden Meldungen in mehrere Richtungen interpretieren. Sie sind in mehreren Richtungen hinweisgebend auf Veränderungen, die wir vor uns haben. Das Tochterunternehmen Yello ist die Massenmarke von EnBW. Sie konzentrieren sich sehr auf Direktvertrieb und haben immer schon versucht, in der Marktkommunikation technisch sehr weit vorne zu sein. Insofern ist es schon bemerkenswert, wenn die von SAP auf powercloud wechseln. Was steckt hinter dem Wechsel dieser EnbW-Tochter von SAP zu powercloud? Zum einen die strategische Überlegung, dass etwas Alltägliches wie Abrechnung im Commodity-Geschäft nichts ist, worin man sich vom Wettbewerb unterscheiden kann. Es geht darum, dass die möglichst einfach, schnell und zuverlässig funktioniert. Das erwarten die Kunden. Eine falsche Abrechnung ist unangenehm für den Kunden. Rundherum ist ein Rahmen, die Regulierung. Es gibt ständig neue Anforderungen ans Thema Marktkommunikation, die umgesetzt werden müssen. Das hört nicht auf. Daher macht es Sinn, einen Anbieter zu haben, bei dem meine Daten in der Cloud liegen. Dann muss ich mich nicht um Hosting und Zugriffsberechtigungen kümmern. Ich muss auch kein eigenes Rechenzentrum dafür betreiben. Der Anbieter kümmert sich darum, weil er entsprechend skaliert. Neuerungen, die ich sowieso mitmachen muss, sind für relativ wenig Aufwand darin enthalten. Ich muss nicht an ein highly customized SAP-System noch einen Balkon schrauben. Das werden wir noch viel öfter sehen, ob der Anbieter nun powercloud heißt oder anders. Er steht stellvertretend für die Entwicklung, dass man sich von Kosten befreit, die aus dem reinen Betrieb von IT entstehen, aber wenig bringen oder ermöglichen.

Redaktion: In eurem Artikel stellt ihr die Frage, was soll man jetzt tun? Eure Antwort lautet, dass die Wahrheit individuell ist. Ihr differenziert zwischen großen Versorgern, kleinen und mittleren. Ihr empfehlt Stadtwerken, die Backoffice-Prozesse in eine Cloud-Lösung zu legen. Ist das immer die AWS, die Amazon-Cloud? Gibt es auch andere Modell? Ist es heutzutage State of the Art, dass man alles bei Amazon oder Microsoft in die Cloud legt?

Marcus Warnke: Nein. Die Frage ist eine andere. Möchte ich bestimmte Dinge selbst betreiben oder möchte ich sie in die Cloud legen? Das ist die Kernfrage. Ob das eine Amazon Cloud, eine powercloud oder irgendein anderer Cloud-Anbieter ist, ist zunächst zweitrangig.

Redaktion: Wenn ich es bei einem Cloud-Anbieter hoste, kann ich es aber noch immer selbst betreiben, oder? In den IT-Verträgen wird ja differenziert, was enthalten ist und was nicht. Man kann ja auch nur das Grundgerüst buchen und immer noch viel selbst tun. Jedenfalls hatte ich bisher diesen Eindruck. Du kannst mich aber gerne korrigieren.

Marcus Warnke: Das kann man natürlich machen. Man sollte sich aber die Frage stellen, an welchen Stellen macht es Sinn, solche Dinge zu individualisieren und selbst zu machen? Gerade in den klassischen Prozessen der Abrechnung, der Ablesung, dem Verbrauch und Ähnlichem habe ich kein Differenzierungsmerkmal. Das Entscheidende ist nicht, wie funktioniert es für mich? Das Entscheidende ist, wie funktioniert es für den Kunden? Das ist das, was zählt. Das muss einfach und mit wenig Kosten verbunden sein, weil ich im Standard-Geschäft keine Marge mache. Noch wird in der Grundversorgung Geld verdient, aber man kann sehen, wie das abschmilzt. Es ist eine simple Rechnung. Es dauert eine Generation, bis es keine Grundversorger-Kunden mehr gibt. Die Vertragskunden muss man mit wenig Aufwand bedienen. Da ist die Frage, was ist der optimierte Weg, das zu tun? Da macht die Cloud durchaus Sinn. Ob das Amazon ist, Microsoft oder eine andere, ist egal. Ich bin gespannt auf die Diskussion, die jetzt darüber entsteht, ob wir nicht in Europa entsprechende Cloud-Anbieter brauchen.

Redaktion: Das stimmt.

Marcus Warnke: Sicherheit und Datenhaltung sind große Themen in Europa, auch für die Energieversorger. Gilt die DSGVO oder nicht? Die Abkommen, die es dazu auf internationalem Parkett gibt, sind natürlich alle gültig und sinnvoll. Trotzdem sagen viele, dass uns das nicht reicht. Deswegen kann es für regionale europäische Anbieter interessant sein, solche Lösungen zu wählen, einfach, weil es dem Sicherheitsbedürfnis der Daten dient. Ich finde die Frage nach der Amazon Cloud gar nicht so entscheidend. Von Amazon kann man auf einer anderen Ebene lernen. Amazon ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie man ein Unternehmen mit Key-Performance-Indikatoren steuert. Im Grunde genommen funktioniert Amazon, egal, ob du in Buch oder ein Cloud-Service kaufst, mit einem zentralen Key Performance Indicator. Der heißt Contact per Customer Order.

Redaktion: Was bedeutet das?

Marcus Warnke: Wie oft muss ich als Kunde mit dir als Anbieter etwas zu tun haben, wenn ich irgendetwas kaufe? Der Zielwert ist eins. Ich sollte nur auf einen Knopf drücken müssen und sagen, dass ich den Artikel haben will. Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht gut.

Redaktion: Es ist schlecht für den Kaufprozess. Das kennt man ja von sich selbst. Sobald eine weitere Frage kommt, ist man vielleicht schon wieder weg.

Marcus Warnke: Möchte ich als Kunde meine Abrechnung überprüfen müssen? Nein. Möchte ich als Vermieter rückwirkend eine Abrechnung machen, weil zwei Jahre geschätzt wurden und es Differenzbeträge mit meinen Mietern gibt? Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte es einfach haben. Es ist Commodity, es ist ein Gebrauchsgegenstand. Das soll keinen Schmutz machen. Es muss funktionieren. Wie können wir es so einfach wie möglich gestalten, damit der Kunde ein wirklich zufriedenstellendes Erlebnis hat? Das ist die Grundhaltung und die zentrale Frage, die sich IT und Business gemeinsam stellen müssen. Das ist das, was man bei Amazon lernen kann. Das ist interessant.

Redaktion: Auf einer ihrer Veranstaltungen habe ich erfahren, dass sie durch ihr starkes Wachstum irgendwann einen riesigen Monolithen, eine riesige IT-Struktur in Form einer Website hatten. Dann haben sie gemerkt, dass das viel zu starr war. Also haben sie es in winzigkleine Teile zerlegt. Diese Microservices können jetzt laufend miteinander kommunizieren und damit sekündlich upgedatet werden. Selbst wenn man, überspitzt gesagt, nur die Farbe eines Buttons verändern will, kann man das sofort updaten. Man muss nicht aufs nächste große Release warten. Das ist auch einer ihrer Erfolgsfaktoren, glaube ich.

Marcus Warnke: Ein Energieversorger muss sich natürlich nicht in dieser Geschwindigkeit anpassen. In seinem Kontext muss er sich fragen, was er braucht. Wie viel Variabilität braucht er? Das ist viel weniger, als wenn ich einen so enormen Onlineshop betreibe. Trotzdem ist es ganz wichtig, sich zu überlegen, dass ich alles, was ich heute baue, morgen vielleicht verändern muss. Wie aufwendig ist das? Bin ich in der Lage, die sich verändernden Bedürfnissen der Kunden und die sicherlich noch sehr substanziellen Veränderungen in den Energiesystemen mit wenig Aufwand abzubilden? Kann ich Chancen daraus generieren und dadurch besser sein als andere? Dann bin ich in der Differenzierung.

Redaktion: Ich hätte noch eine Frage zu Amazon und zum Datenschutz. Ich weiß nicht, wie firm du darin bist. Bei AWS oder Microsoft Azure kann man als gewünschten Server-Standort Frankfurt anklicken. Sind damit alle deutschen Regularien im Energiesektor abgedeckt, auch mit den BSI-Anforderungen? Kannst du dazu etwas sagen?

Marcus Warnke: Ich bin kein Spezialist. Ich kann das nur aus einem großen Projekt ableiten, das ich einmal begleitet habe. Darin ging es um großes Outsourcing der Pflege von IT-Systemen, also Anwendungsmanagement. Da war ein großes Thema, was davon in Deutschland gehostet wird. Es gab bestimmte Applikationen, die nicht außerhalb Deutschlands gehostet werden durften. Andere durften in Europa gehostet werden, wieder andere weltweit. Es gibt relativ differenzierte Regularien, die man kennen muss, wenn man sich damit beschäftigt. Ich bin nicht tief genug darin involviert, um sie wiederzugeben. Es gibt keine pauschale Antwort, sondern es hängt sehr davon ab, wie schützenswert die jeweiligen Daten sind. Und da ist man bei einer klassischen Infrastruktur anders unterwegs als bei einer Adresse.

Redaktion: Irgendwann wurde veröffentlicht, dass die personenbezogenen Videos der Kameras, mit denen die Polizisten seit Kurzem ihre Einsätze aufnehmen, auch bei AWS landen. Da dachte ich: ‚Oh Gott, so weit ist das schon!‘

Marcus Warnke: Dazu gab es auf heise online einen entsprechenden Artikel. Das ist schon sehr kritisch. Worüber muss ein IT-Verantwortlicher oder Geschäftsführer bei den Stadtwerken nachdenken? Er muss sehr genau überlegen, was man mit den Kundendaten macht. In Deutschland haben wir eine Kultur, dass Menschen bei Umgang mit den individuellen Daten sehr vorsichtig sind. Das finde ich grundsätzlich gut. Es macht einfache und charmante Lösungen ein bisschen schwieriger. Man muss sich eben genau überlegen, was davon man wo ausgeben kann. Man muss den Aufwand treiben, der notwendig ist, um entsprechend differenzierte Lösungen zu finden.

Redaktion: Wie soll es ein Stadtwerk oder ein EVU auf größere Art schaffen, diese hohen Sicherheitsstandards einzuziehen und sich auch darüber zu positionieren? Kommunale Unternehmen leben ja auch von diesem Vertrauen. Ich habe irgendwo gelesen, dass nicht nur Daten, sondern auch Vertrauen das Öl von morgen sind. Sie sollten diese Positionen noch massiver ausbauen. Gleichzeitig müssen sie aber dieselbe Usability bieten wie die großen Tech-Konzerne, die sich nicht gerade gewissenhaft um die Sicherheitsthemen kümmern. Man hat an vielen Fronten zu kämpfen. Es ist immens, was da vorgelegt wurde. Es müssten sich nur ein paar Ingenieure in Deutschland zusammensetzen, dann hätten wir nächstes Jahr eine eigene Cloud. Es wirkt lächerlich, wenn man das sagt. Das sind ja meilenweite Vorsprünge. Man muss nicht nur die Usability und die Technologie, sondern auch den Datenschutz auf ein neues Level heben. Den Bürgern muss transparent dargestellt werden, was geht und was nicht. Kannst du mir da ein bisschen Hoffnung machen?

Marcus Warnke: Nein, kann ich leider nicht.

Redaktion: Schade.

Marcus Warnke: Das ist tatsächlich ein Dilemma. Wir müssen aber keine Super-Usability erreichen. Es bedarf keiner charmanten, voll integrierten App wie beispielsweise bei Apple, wo du ein Video auf dem iPhone beginnst, auf dem Fernseher fortsetzt und auf dem iPad beendest. Da müssen wir nicht hinkommen. Energieversorger sind im Wesentlichen immer noch Commodity auf der Standard-Seite. Es sind neue Services, datengebundene Services. Es sind energienahe Dienstleistungen, die nicht die Energie verkaufen, sondern das, was mit der Energie gemacht wird, ob das Wärme ist, Mobilität oder etwas anderes. Da wird es interessant sein, wie mit Daten umgegangen wird. Meiner Ansicht nach ist die große Herausforderung gar nicht so sehr die Usability, sondern eher der Übergang zur Operational Technology, also dem, was ich brauche, um ein Netz zu betreiben. Es geht um die Fundamentaldaten, die ich aus dem Netzbetrieb bekomme. Wo fließt welcher Strom wann hin? Wo habe ich welche Lastsituation? Was brauche ich, um die Netzsteuerung zu machen? Das ist das, was du in der Industrie auch hast, die Kerndaten in der Produktion. Die müssen natürlich besonders geschützt werden. Andererseits sind sie auch besonders wertvoll, um neue Produkte zu entwickeln. Als Verteilnetzbetreiber kann man sich überlegen, neue Services anzubieten, wenn die Regulierung diese zulässt. Man kann zusätzliche Erzeuger auf der einen Seite mit entsprechenden Verbräuchen auf der anderen Seite lokal zusammenbringen. Dafür braucht man die Fundamentaldaten aus dem Netz. Man braucht Zeitreihen, an denen man die typischen Verläufe ablesen kann. Erst wenn man diese Dinge weiß, kann man Preise entwickeln für netzähnliche Angebote. Die einen regeln herunter, die anderen hinauf oder umgekehrt. Wenn ich diese Daten nicht habe oder mir nicht nutzbar mache, kann ich solche Services nicht sinnvoll bepreisen. Dann kann ich zukünftig solche Services nicht anbieten, weil ich nicht weiß, was der Preis dafür ist. Die Herausforderung ist, nicht nur die Kundensicht zu betrachten, sondern auch die Daten, die ich in meinem Netz im Vertrieb produziere. Ich muss mich fragen, was ich daraus an sinnvollen zukünftigen Produkten entwickeln kann. Kommen wir zurück zum Stadtwerk. Du hast nach der Sicherheit gefragt. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass sich die Anforderungen an die Fachbereiche und an die IT fundamental ändern und viel umfassender werden. Es wird viel komplexer und schwieriger. Man muss ein größeres Verständnis davon haben, wie man die Daten nutzt. Man muss mittels KI oder Machine Learning Muster in bestimmten Verbräuchen oder Ähnlichem erkennen, um daraus interessante Produkte zu generieren. Das ist die Datensicht. Auf der anderen Seite stehen die Sicherheitsanforderungen. Die großen Versorger haben heute nicht nur Cybersecurity-Abteilungen, die sich um Datensicherheit kümmern, sondern auch Cyber-Defense-Teams. Diese machen nichts anderes, als hunderttausendfach Attacken abzuwehren.

Redaktion: Gibt es das heute wirklich? Haben das nur große Stadtwerke oder auch kleinere? Haben nur die Top Zehn solche Einheiten?

Marcus Warnke: Die Top Zehn haben das bestimmt alle. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass heute alles angegriffen werden kann. Es werden einzelne Krankenhäuser angegriffen, einzelne Betriebe und Universitäten. Ich will keine Ängste schüren, aber es Teil der Umwelt, in der wir uns bewegen. Man braucht spezialisiertes Know-how und Leute, die das können. Die wachsen nicht auf Bäumen. Um die gibt es auch einen Wettbewerb. Du hast gefragt, was man als Stadtwerk tun kann. Man muss sich die Frage stellen, was man von diesen Anforderungen sinnvoll selbst leisten kann. Es geht um Schutz der IT-Infrastruktur, Sicherheit der Kundendaten, Heben der Potenziale aus der Operational Technology und aus den Datenbanken, Architekturverständnis und KI-Verständnis. Das alles soll gespiegelt werden an etwas, was die Fachbereiche brauchen können, womit sie Geschäfte machen können. Ich muss überlegen, bekomme ich die Leute? Habe ich eine Situation am Arbeitsmarkt, in der ich die Leute finden kann? Wenn das der Fall ist, ist es dann eine gute Strategie, es zu versuchen? Soll ich es auch für andere anbieten, wenn ich zufälligerweise über ein großes Potenzial an klugen Köpfen verfüge, die das können? Wenn ich das nicht habe und es auch nicht generieren kann, weil ich als Arbeitgeber nicht attraktiv genug bin, bin ich dann gut beraten, wenn ich versuche, alles selbst zu machen? Das muss ich wahrscheinlich verneinen. Die Lösung ist individuell. Man muss sich sehr genau ansehen, wo man steht.

Redaktion: Ich glaube, dass sich relativ viele dafür entscheiden, den Laden zuzumachen. Sie verschicken seit Inkrafttreten der DSGVO nicht einmal mehr die E-Mails, die möglich wären. Damit erlahmt alles. Das kann man belächeln, aber es geschieht aus einer Unsicherheit heraus. Es gibt in den Stadtwerken keine Leute, die das Thema vorantreiben. Ich merke es gerade bei meinem Arbeitgeber. Da wurde ein sehr erfahrener Entwickler eingestellt. Auf einmal merkt man, wie durch sein Know-how ganz andere Fragen gestellt werden. Die Themen und die Gespräche verschieben sich in eine andere Richtung. Wie machen wir etwas? Warum sind wir auf diesem Level und nicht auf dem? Das ist fundamental. Wie bekomme ich dieses Know-how? Wenn ich keine entsprechenden Leute habe und es schwierig ist, welche zu finden, was siehst du da für Lösungen? Hast du Ideen?

Marcus Warnke: Bei den Stadtwerken ist es eine besondere Situation. Sie fragen sich ja nicht nur in der Innensicht, wen sie haben und wen sie bekommen können, sondern sind auch ein kommunales Unternehmen. Sie unterliegen immer einer kommunalpolitischen Steuerung. Natürlich möchte jedes Aufsichtsratsmitglied gerne, dass möglichst viele Arbeitsplätze vor Ort erhalten bleiben. Es gibt Gewerbesteuer, es gibt Grundsteuer, es gibt Arbeitsplätze, es gibt Wählerstimmen. Das ist total verständlich. Es ist aber problematisch, wenn man versucht, Dinge selbst zu machen, die man nicht in der Qualität machen kann, die gebraucht wird. Man muss sehr ernsthaft mit sich ins Gericht gehen und mutige Entscheidungen treffen. Man kann zum Beispiel bestimmte Dinge mit anderen machen und diese an gemeinsame IT-Dienstleister auslagern. Dann gibt es eine Lösung, die für 15 bis zwanzig Stadtwerke funktioniert. Man kann auch einen Prozessdienstleister einkaufen, der einem alles abnimmt. Das ist vollkommen legitim und nicht verwerflich. Man muss sich ernsthaft überlegen, an welchen Stellen man es schaffen kann und an welchen nicht, denn wir reden immer noch über die Basis. Sicherheit ist Basis und kein Geschäft. Damit habe ich noch kein innovatives Produkt entwickelt. Ich habe auch keinen neuen Service auf den Markt gebracht und keine datengetriebene Dienstleistung entwickelt. Wir reden nur darüber, dass wir das Licht anmachen.

Redaktion: Wir reden davon, den Laden sicher zu machen.

Marcus Warnke: Den Laden sicher zu machen und dafür zu sorgen, dass das Licht anbleibt. Das ist die eine Sicht. Die andere Sicht ist die auf die Veränderungen im Markt. Wir haben darüber gesprochen, dass wir früher oder später ein fundamental anderes Energiesystem bekommen werden. Das mag politisch noch ein paar Wellen schlagen, aber es geht klar in die Richtung der erneuerbaren Energien. Großteils erneuerbare Energien zu haben, bedeutet volatile Erzeugung. Volatile Erzeugung bedeutet volatiler Verbrauch. Ich muss das irgendwie miteinander in Verbindung bringen. Dahinter liegen datengetriebene Steuerungslogiken, die man entwickeln muss. Man muss Services entwickeln und Preise für Netzähnlichkeiten errechnen, um das zu ermöglichen. Man muss andere Nutzungsszenarien für Energie entwickeln. Das benötigt Kapazität. Jetzt kommen wir auf einen Punkt, den ich ganz wichtig finde. Wir müssen diese Dinge gemeinsam denken. IT und Business gehören zusammen. Es ist nicht mehr so, dass das Business weiß, wie es da draußen aussieht. Die IT ist nicht mehr der interne Dienstleister, der seine Sache besser oder schlechter macht, geliebt oder ungeliebt, je nach Darreichungsform. Stattdessen stehen sie gemeinsam mit dem jeweiligen Wissen oben. Die IT fragt, was kann ich aus Daten machen? Das Business fragt, was machen der Markt und die Kunden? Sie stehen nebeneinander und blicken in beide Richtungen. Einerseits in Richtung der Kunden, wo die IT verstehen muss, wie der Markt funktioniert. Andererseits in Richtung der Daten mit der Frage, was können wir aus denen machen? Welche interessanten Dinge können wir mit unseren Stammdaten und unseren Verbrauchsdaten machen? Was kann man daraus entwickeln? Das geht nur gemeinsam.

Redaktion: Wie sieht das in der Organisation aus? Beim klassischen Energieversorger habe ich die fachlichen Business-Abteilungen und woanders die IT. Wie kann ich mir das im Alltäglichen vorstellen? Hat dann jedes fachliche Team seinen eigenen IT-Architekten, seinen Data Scientist? Arbeiten sie in crossfunktionalen Teams zusammen und können damit die Herausforderungen über weite Strecken selbst lösen? Wie kann man sich das Zusammenrücken von IT und Business vorstellen?

Marcus Warnke: Was du skizzierst, wäre eine sehr fortschrittliche Form, das zu organisieren. Ich würde einen Schritt zurückgehen. Heute gibt es eine IT-Abteilung, deren Business-Partner sich um bestimmte Fachbereiche kümmern. Die einen wissen, wie Finance funktioniert und die anderen wissen, was das Netz braucht. Das ist eine differenzierte Form der Leistungserbringung, die durchaus sinnvoll ist. Im Grunde ist sie noch nicht weit entwickelt. In der IT versucht man, DevOps für zukünftige Szenarien aufzubauen. Das sind Developer und Operators. Sie wissen sowohl, was man braucht, damit Systeme funktionieren, als auch, was man braucht, um diese zu verändern. Dahinter steckt der Gedanke einer sich schnell bewegenden Welt. Aus diesem ergibt sich die Notwendigkeit, eng mit denen zusammenzuarbeiten, die wissen, wie sich ein IT-System verändern kann und muss. Es müssen sich die Architekturen und Vorgehensmodelle derer verändern, die diesen Markt beobachten. Die Struktur, die du erwähnt hast, versuchen die Ersten gerade umzusetzen. Wir brauchen das IT-Know-how und die Architekten. Wir brauchen die Systemingenieure in den Fachbereichen. Sie müssen crossfunktionale Teams bilden, die Tag für Tag zusammenarbeiten und die Fragestellungen, die dort entstehen, gemeinsam beantworten. Ich halte das für den richtigen Weg.

Redaktion: Viele sind aber noch ganz weit weg davon. Wo siehst du heute die IT bei den Utility auf einer Skala zwischen komplett rückständig, gut genug, auf der Höhe der Zeit? Ich weiß, dass du in diesem Business tätig bist. Man will keinem die Schuld zuweisen. Ich höre aber heraus, dass es für viele noch ein weiter Weg ist.

Marcus Warnke: Unter den 1.200 Versorgern in Deutschland findest du alle Kategorien. Es gibt winzige Stadtwerke mit tausend Zellpunkten und ganz große, die europaweit 15 Millionen Kunden bedienen. Manche versuchen noch, sich aus der Steinzeit zu retten. Viele sind auf einem mittleren Level. Ihre IT-Abteilung ist vielleicht schon gut strukturiert und folgt bereits einem industriellen Fertigungsmodell. Man überlegt sich, was man tun muss, um den IT-Betrieb zu optimieren. Was lagert man aus? Was macht man selbst? Eine zweite Ebene macht die Projekte und sorgt dafür, dass Dinge veränderbar werden. Ich finde, dass das schon eine gut differenzierte IT-Funktion ist, die recht viel Variabilität ermöglicht. Damit trennt man Veränderungen, also „Change the Business“, und Betrieb, nämlich „Run the Business“. Diesen Übergang muss man gut bewältigen. Die Neuesten wollen das Know-how aus der IT wieder in die Fachbereiche bringen. Das ist aber nicht neuer Wein in alten Schläuchen. Es bedeutet, die tiefe Fachlichkeit, die in der IT vorhanden ist, das Verständnis der Zusammenhänge, die man erkennen muss, in substanzielle gemeinsame Entscheidungen in den Fachbereichen einzuspeisen. Das ist ein Weg, der erst anfängt. Er hat mit Vorgehensmodellen zu tun, mit agilen Entwicklungsmodellen, mit viel mehr Verantwortung im Business, was das Verständnis der IT-Erfordernisse angeht. Man muss sich der Frage stellen, ob die Daten sicher sind und ob das Netz abgesichert ist. Diese Fragen muss das Business zumindest zulassen.

Redaktion: Man hat immer Bereiche, die sicher und stabil laufen müssen. In anderen Bereichen experimentiert man und probiert Dinge aus. Man bucht etwas und gibt seine Daten heraus. Dabei ist einem alles egal. In der anderen Welt wäre es haarsträubend, was man macht. Man kennt das ja, wenn man als Privatanwender oder in der Firma an der IT vorbei etwas ausprobiert. Wenn man eine Kreditkarte hat und den Willen dazu, kann man einiges bewegen. Ich frage mich immer, wie man das vereinbaren kann. Einmal scheint alles möglich und man probiert im kleinen Kreis ein paar Sachen aus. Dann wieder macht man alles ganz stabil, traditionell und sicher. Lässt sich das vereinbaren?

Marcus Warnke: Ein Modell, das über viele Jahre diskutiert wurde, war das IT of two Speeds. Es hatte genau das, was du gerade formuliert hast, als Credo. Man hat gesagt, dass es eine Logik des Umgangs gibt, in der es darum geht, dass Dinge aus Sicht der Kunden oder des Fachbereichs stabil sind. Die IT ist gut, wenn man nichts von ihr merkt und sie einfach läuft. Aus Kundensicht geht es um möglichst wenig Veränderung und möglichst stabile Leistungserbringung. Dann versucht man, Dinge zu verändern. Es ist ein durchaus valides Vorgehen, dass man versucht, beides zu parallelisieren. Wichtig ist, dass man für beides klare Regeln hat. Ich beobachte oft, dass man etwas ausprobieren will und einen Projektantrag macht. Dieser Projektantrag geht durch ein Portfolio-Gremium. Derjenige, der dafür verantwortlich ist, möchte gerne Erfolg haben. Daher sind die Projekte anfangs immer erfolgreich. Dann macht man weiter und kommt in eine Spirale hinein, in der man 15 oder zwanzig Dinge auf den Markt und bis zum Kunden bringt. Hier ein bisschen Service und da ein bisschen Service. Nach einem Jahr fragt man sich dann, womit man eigentlich Geld verdient. Von den großen Playern wie Amazon kann man lernen, dass Innovation bedeutet, viel auszuprobieren, aber auch viel wegzuwerfen. Die Idee einer schnellen Entwicklung bedeutet, es am Markt auszuprobieren. Wenn es nichts taugt, braucht man eine fundamentale Veränderung oder verwirft es. Das ist neu für die Energiebranche. Sie muss lernen, sich diesem Innovationszyklus zu stellen. Sie muss genug Atem haben, um Schwächeperioden durchzuhalten, aber auch konsequent genug sein, Dinge wegzuwerfen, die einfach nicht fliegen.

Redaktion: Es gibt einen tollen Satz von Steve Jobs, ‚Innovation bedeutet, zu tausend Dingen nein zu sagen.‘ Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Man fängt viel lieber Dinge an und vergisst dabei, angefangene Dinge zu überprüfen und sie gegebenenfalls wieder einzustellen. Es ist einfach viel angenehmer, immer neue Sachen zu machen. Gerade, wenn man aus einer traditionelleren Branche kommt oder aus traditionelleren Zeiten, schwingt das Pendel zunächst in die Richtung viel probieren, viel machen. Jetzt sagen alle, dass man auch etwas wegnehmen muss. Man muss wieder einen Fokus finden. Das Pendel schwingt einmal in die eine und dann in die andere Richtung. Ich kann mir vorstellen, dass manche sich fragen: „Was soll ich tun? Ich habe viel Neues gemacht und jetzt sagt man mir, dass ich Dinge weglassen muss.“ Ich sehe es aber wie du. Es ist wichtig. Sonst weißt du irgendwann nicht mehr, warum du gewisse Sachen machst und mit welchen Sachen du Geld verdienst. Dann hast du auch keine Ressourcen mehr, die du darin investieren könntest.

Marcus Warnke: Die Ressourcen sind definitiv ein Thema. Nicht nur Zeit, sondern auch die Leute, die das machen können. Du brauchst einen Leuchtturm, einen true North, eine klare Richtung, in die du steuern willst. Deswegen sind Lösung und Antwort individuell. Ich weiß, dass viele Stadtwerke das nicht gewohnt sind. Mittlere Stadtwerke sagen: „Lass uns eine schnelle pragmatische Lösung finden.“ Ich glaube, dass es wichtig ist, sich zu überlegen, wie können wir zukünftig gut in diesem Markt bestehen? Wo müssen wir uns unterscheiden? Was können wir besser machen als andere? Was für eine besondere Situation, was für eine besondere Topologie haben wir in unserer Umgebung? Damit meine ich die Netztopologie im Sinne der Technik, aber auch die geografische Topologie. Welche Rahmenbedingungen haben wir hier? Wie können wir uns in diesen Rahmenbedingungen richtig aufstellen? Wo können Business und IT zusammen für Differenzierung sorgen? Wo können sie für enorme Einsparungen in den Prozessen sorgen? Diese Dinge tun wir. Um die strategische Frage kommt man nicht herum. Wenn man sie sich nicht stellt, geht man ein sehr großes Risiko ein. Das unterschätzen im Moment viele. Die Margen werden nicht besser werden, die Anforderungen und die Komplexität aber wesentlich höher. Es gibt immer auch einen bundesweiten Markt. Es gibt immer auch bundesweite Player. In der Energiebranche gibt es auch heute schon schnell wachsende Startups, die einem das Batteriespeicher-Thema komplett aus der Hand nehmen. Gegen solche Player muss man ankommen. Ein Stadtwerk muss für den Kämmerer Geld verdienen und andere Dinge quersubventionieren, die die Stadt macht. Im Energiebereich kann man es sich nicht leisten, irgendwann nicht mehr genug Geld in der Tasche zu haben, um sich angemessen verändern zu können. Das ist ein ernstzunehmendes Risiko.

Redaktion: Ich frage mich, ob es genügend Differenzierungsmöglichkeiten für 900.000 Unternehmen gibt, die im Kern das Gleiche machen, aber immer in einer anderen Stadt. Kann es funktionieren, alles auszulagern, was der Kunde nicht sieht, und sich vorne in der jeweiligen Stadt zu differenzieren? Kann das wirklich anders sein? Natürlich könnte es sein, dass die regionale städtische Verbundenheit das trägt.

Marcus Warnke: Das, was ich jetzt sage, werden manche vielleicht nicht so gerne hören. Ich glaube aber, dass man ehrlich mit sich selbst sein muss. Die Anforderungen an die Energie und die Veränderungen im Energiesektor, die sie mit sich bringen, werden nicht erlauben, dass 1.200 Stadtwerke überleben. Das halte ich für unwahrscheinlich. Es gibt so viele winzige Stadtwerke, die es nur gibt, weil sie tradiert sind, weil es schön ist, weil die Leute es gewöhnt sind. Sie haben aber weder volkswirtschaftlich noch betriebswirtschaftlich einen richtigen Mehrwert. Betriebswirtschaftlich halten sie ein paar Stellen in der Stadt. Das ist nachvollziehbar. Letztlich würden wir aber mit Netzwerken von Stadtwerken mit vielleicht insgesamt hundert Playern durchaus auskommen. Sie wären auch in der Lage, diese Komplexität zu managen. Deswegen glaube ich schon, dass sich die kleinen Stadtwerke überlegen müssen, was sie machen. Sie könnten eine Folienform, eine Marke bleiben. Das komplette Stadtwerk könnte ein White Label sein, dessen Leistungen jemand anderer erbringt. Das wäre ein legitimer Weg. Damit hätte man für den Kunden die lokale Nähe, müsste sich aber nicht mit den ganzen Komplexitäten der Leistungserbringung beschäftigen.

Redaktion: Im Kontext der Smart City könnte ich mir vorstellen, dass sich Stadtwerke als Smart City Provider oder als diejenigen, die die Infrastruktur für dieses hochkomplexe Energienetzwerk lokal anbieten, etablieren könnten. Jede Stadt muss ja eine gewisse Smartness an den Tag legen. Es könnte das Stadtwerk sein, das diese herstellt.

Marcus Warnke: Darin steckt sehr viel Musik. Smart City ist das eine, aber letztlich spielst du damit aufs Thema der Sektorkopplung an. Das wird ein ganz großes Thema sein. Wenn wir volatile Erzeugung haben, dann werden wir Situationen haben, in denen wir Energiesenken brauchen. Wir werden den Strom, den die Windräder und die Solaranlagen produzieren, irgendwohin bringen müssen. Das ist der klassische Moment, in dem ich versuche, den Energieträger zu wechseln. Ich mache daraus Mobilität, Wärme oder irgendetwas, was anderweitig als Energie nutzbar ist. Das ist ein großes Thema, bei dem Städte durch die Dichte der Nachfrage solcher Services einen Riesenvorteil haben. Elektromobilität wird im Kern dazugehören, das ist gar keine Frage.

Redaktion: Was hältst du von Open Source Software und Open Data? Mit Open Source Software könnte man sich unabhängiger machen von den großen Tech-Konzernen, die im Smart-City-Umfeld mit aller Macht auf die Städte zugehen werden. Siemens und andere internationale Konzerne werden sagen: „Nehmt alles von uns!“ Dazu gibt es schon eine Gegenbewegung. Zum anderen Open Data. Man könnte die gesamten Daten, die man in einer Smart City erhebt, den Bürgern sehr transparent zur Verfügung stellen. Dann würde jeder sehen können, was mit welchen Daten gemacht wird. Und wenn ich es nicht mehr möchte, dann wird es auch nicht mehr getan. Wie siehst du das Thema Open?

Marcus Warnke: Open Source sehe ich streng organisatorisch-technisch. Open Source hat ja auch eine politische Komponente, nämlich ‚Wir wollen gegen die Großen sein‘. Ich finde, das ist ein legitimes Anliegen, aber kein ausreichender Grund für eine Entscheidung. Aus Sicht eines Stadtwerks, eines Vertreibers oder Nutzers ist immer die Frage, ob ich einen Vorteil habe, wenn ich das Risiko eingehe, zu einem Großen zu gehen. Damit habe ich auch einen Locked-in-Effekt, weil ich in seine Systeme eingesperrt bin. Das ist das Risiko, das ich ernsthaft bewerten muss. Auf der anderen Seite habe ich Vorteile mit Open Source. Dann weiß ich, was beim Thema Datensicherheit passiert, weil das unabhängige Dritte überprüft haben. Es ist jederzeit feststellbar, was es taugt oder nicht. Das ist eine wichtige Abwägung. Meiner Meinung nach ist es aber keine politische Abwägung von Klein gegen Groß. Es sind verschiedene Risiken, die man abwägen muss. Dann kann man sich zu einer Entscheidung bekennen. Das soll man auch tun. Das Thema Open Data empfinde ich genauso. In Open Data steckt gerade in Bezug auf Städte eine Menge Potenzial. Natürlich gibt es Kundendaten, Verbrauchsdaten und Ähnliches, was man geschützt wissen möchte. Viele andere Daten kann und sollte man aber teilen. An dieser Stelle will ich dir ein Beispiel geben. Es berührt zwar nur am Rande das Thema Open Data, aber ich will auf einen bestimmten Punkt hinaus. Dieses Beispiel, das mich sehr inspiriert hat, zeigt, wie man in einer Stadt Konstrukte entwickelt, die über das hinausreichen, was einzelne Player üblicherweise tun. Im Süden von Norwegen gibt es eine Inselgruppe, die wie viele ländliche Räume mit der Überalterung der Gesellschaft zu tun hat. Dort haben viele Osloer Ferienhütten, in die sie am Wochenende fahren. Oslo ist die Stadt mit der höchsten Elektromobilität, also fahren die Leute mit ihren Elektroautos auf die Inseln. Es gibt nur eine Leitung, die die Inseln mit Strom versorgt. Das schafft freitagnachmittags Probleme. Fürs Inselnetz musste also ein Weg gefunden werden, den Stromverbrauch so zu steuern, dass genügend Strom da ist, und trotzdem keine zweite Leitung gelegt werden muss. Diese hätte sehr viel Geld gekostet, weil man das ganze Netz mit Verbrauchsdaten regel- und steuerbar hätten machen müssen. Verschiedene Akteure haben sich an einen Tisch gesetzt und einen Modellversuch gemacht. Schließlich fragte ein Gemeindevertreter: „Kann man damit herausfinden, ob bestimmte Nutzungen regelhaft ablaufen oder nicht?“ Die Energieversorger meinten: „Ja, man kann für jedes einzelne Haus ablesen, ob es vom üblichen Verbrauch abweicht.“ Der Gemeindevertreter meinte: „Das ist sehr spannend. Wir haben nämlich ein großes Problem damit, dass immer mehr alte Menschen, die hier leben, in unser Seniorenwohnheim ziehen möchten. Wir haben aber nicht genug Plätze und müssten ein neues Heim bauen.“ Was ist das Bedürfnis dieser Senioren? Sicherheit. Es ist nicht so, dass sie es alleine nicht aushalten würden. Sie möchten aber, dass jemand nach ihnen sieht, wenn sie stürzen oder morgens nicht aufstehen können. Mittels der Verbrauchsdaten ist es möglich, herauszufinden, ob morgens um 09:00 Uhr die Kaffeemaschine eingeschaltet wird. Ist das nicht so, kann ein Alarm ausgelöst werden. Aus diesem Grund hat die Gemeinde beschlossen, zu investieren, weil ein neues Netz ein ganz anderes Problem gelöst hat, welches nichts mit Strom zu tun hatte. Solche Angriffspunkte sind die Energie der Zukunft.

Redaktion: Sehr schön. Das ist Eldery Care. Ich kann am Stromverbrauch und am Verbrauchsverhalten erkennen, ob zu Hause alles in Ordnung ist.

Marcus Warnke: Ich kann auch in einem Betrieb erkennen, ob die Maschinen langsam verschleißen, wenn sie bei gleicher Produktion zehn Prozent mehr Strom verbrauchen als am Jahresanfang. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Da wird Energie smart.

Redaktion: Das ist ein schöner Satz, der zum Ende überleitet. Wir haben bereits mehr als fünfzig Minuten über ein sehr spannendes Thema gesprochen. Für unsere Hörer möchte ich noch erwähnen, dass es einen hervorragenden kürzeren Podcast von Carla Tusche gibt, die auch bei mgm unterwegs ist, den man sich anhören kann. Er ist näher am Beitrag. Wir sind ein bisschen gesprungen, was ich sehr interessant fand. Marcus, hast du noch etwas auf dem Herzen, das du uns mitteilen möchtest?

Marcus Warnke: Welchen Impuls können die Zuhörer mitnehmen? Die digitalisierte Welt der Zukunft ist eine, die uns Spaß machen wird, in der es sich lohnt, hinzusehen. Da ist viel los und es gibt viel Raum für Gestaltung. Es macht Freude, diese Entwicklung mitzugestalten. Alle, die in der IT-Branche mit diesen Themen unterwegs sind, gestalten gemeinsam das Energiesystem der Zukunft. Entweder wir tun es oder wir tun es nicht. Es wird so gut werden, wie wir es machen.

Redaktion: Also bist du trotz all dieser Herausforderungen positiv gestimmt.

Marcus Warnke: Absolut. Ich sage aber nicht, dass es ein Spaziergang ist.

Redaktion: Alles klar. Herzlichen Dank für dieses Gespräch am späten Abend! Danke auch an deinen Co-Autor Olaf Terhorst, der heute nicht dabei ist.

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