Dieser Text ist ein persönlicher Artikel von Janos Standt, stellvertretender Leiter Public Sector, und zuerst in seinem LinkedIn-Profil erschienen. Da dieser nur mit LinkedIn-Account erreichbar ist, übernehmen wir den Beitrag hier im Blog.

Nach den verschiedenen seit Monaten aufkommenden Rufen nach einer Open Source-Offensive im Zusammenhang mit der digitalen Souveränität Deutschlands und dem OZG – zuletzt etwa von Dr. Markus Richter im Zusammenhang mit innovativen IT-Dienstleistern (1) – kann ich nicht anders: Ich muss eine Lanze brechen für Anwendungen, die modellbasiert entwickelt werden und zum Kern sehr komplexer heterogener Systemlandschaften werden können. Denn die bringen letztlich auch größere Gestaltungsfähigkeiten.

Vorweg: Open Source Software (OSS) ist gut und richtig.

Vorweg: Open Source Software (OSS) ist gut und richtig. Das OSS-Konzept allein und generell ist aber aus meiner Sicht keine Lösung. Für die langfristige Pflege von Behörden-Anwendungen sind entsprechende Werkzeuge notwendig. Vor allem Änderungen durch gesetzliche Vorgaben müssen immer wieder zuverlässig und möglichst schnell umgesetzt werden können, und das im föderalen System auch mit lokalen oder regionalen Unterschieden.

Zurück zur modellbasierten Entwicklung. Aber Achtung: Werbeblock! 😉

In Kurzform: Modellbasierte IT-Umsetzung – zum Beispiel per „Low Code“-Plattform – gibt Nicht-IT-lern Werkzeuge an die Hand, um selbst Fachverfahren & Co. zu digitalisieren und auch weiterzuentwickeln. Kern bilden leicht bedienbare Entwicklungseditoren für die Verwaltungsmitarbeiter, mit denen Softwarefunktionen, Webansichten und dahinterliegende Prozesse gebaut werden können. Ein Großteil der Entwicklungsarbeit kann also schnell und effizient direkt in den Fachabteilungen modellbasiert umgesetzt werden. Für Behörden ist modellbasierte Entwicklung meiner Ansicht nach die Chance, ihre Fachsouveränität zu erhalten und zu stärken.

Was ist modellbasierte Entwicklung?

Im Zusammenhang mit modellbasierter IT-Umsetzung sind Modelle wie die Brücke zwischen Menschen und Maschinen: Die Datenmodelle können von Fachanwendern strukturiert werden und sind direkt durch Maschinen lesbar. Die Verwaltungsmitarbeiter in den Fachabteilungen definieren, welche Art von Logik abgebildet wird, welche Daten zu erfassen sind, wie sie zu validieren sind, und welche Relationen es zwischen Abfragen und Aufgaben gibt. All diese Aspekte einer Anwendung können in Modellen erfasst werden – und diese Aspekte machen in der Regel den großen Teil einer Anwendung aus. Praktischerweise sind die Modelle dann übergreifend einsetzbar: Sowohl die grafischen (Web-) Oberflächen für Bürger und Unternehmen (Antragsteller), als auch die Fachansicht können auf dieselben Modelle zurückgreifen.

Ausgangspunkt für die modellbasierte Entwicklung einer Anwendung im öffentlichen Sektor sind häufig Formulare. Das liegt in der Natur unserer vielen antragsorientierten Verwaltungsleistungen. Aktuell macht natürlich die OZG-Umsetzung den Druck, schließlich läuten die Glocken zwischen Flensburg und Garmisch bald die letzten 24 Monate ein. Der Prozess kann aber genauso vom Fachverfahren ausgehen. Auch dort ist modellbasierte Entwicklung sehr sinnvoll, um möglichst den Großteil der Fachanwendung durch die Fachexperten definieren zu lassen.

Was ich damit beschreiben will: Modellbasierte IT-Umsetzung hilft dabei, die Souveränität der Verwaltung sicherzustellen.

Der Nutzen modellbasierter IT-Umsetzung

Was ich damit beschreiben will: Modellbasierte IT-Umsetzung hilft dabei, die Souveränität der Verwaltung sicherzustellen. Indem die Fachverantwortlichen Datenfelder, Logiken und Oberflächenmodelle für Webanwendungen und Ähnliches selbst erfassen, leisten sie einen Großteil der Aufgaben im herkömmlichen Entwicklungsumfeld. Ganz nach dem Motiv von Maria Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ So ist es auch hier.

Gerade unter dem OZG-Zeitdruck bietet modellbasierte Entwicklung einen weiteren entscheidenden Vorteil: Die Entwicklung und vor allem die Anpassung von Anwendungen geht viel schneller – schon allein deshalb, weil mühsame und zeitraubende Schleifen im Briefing und Kommunikation zwischen Fachabteilung und Entwicklern entfallen. Die Fachexperten gestalten große Teile der Anwendungen so, wie sie aus ihrer Erfahrung heraus sinnvoll und funktional sind.

Modellbasierte IT-Entwicklung bleibt aber sicher auch nach 2022 relevant und hilfreich. Denn einmal entwickelte Modelle können in vielen verschiedenen Kontexten weiterverwendet werden. Und selbstredend passen eine modelbasierte Umgebung und die mit ihr entwickelten Anwendungen wie andere OZG-Lösungen auch in gewachsene und komplexe Systemlandschaften.

Voraussetzungen und Grenzen modellbasierter IT-Umsetzung

So einfach das alles klingt – zugegeben: Solche Entwicklungsprozesse stellen auch neue Anforderungen an die Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Gute Editoren sind ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Entwicklung von Anwendungen in den Fachabteilungen. Dennoch erfordert die Digitalisierung darüber hinaus ein grundlegendes IT- und Prozessverständnis, Interesse und eine Denkweise in klaren Strukturen. Ein zweiter Baustein ist gerne ein eingeplantes Change-Management, und agile Methoden sind natürlich auch hilfreich.

Fazit

Die Umsetzung des OZG erfordert von Behörden meines Erachtens einen radikalen Wandel in der Entwicklung von Anwendungen. Der herkömmliche Weg über lange IT-Projekte sowie den Austausch zwischen Fachabteilung und Entwicklerteam dauert schlicht zu lang und ist nicht nutzerorientiert. Alleine OSS ist dabei aber nicht der Heilsbringer, es braucht sinnvolle Konzepte und das Beste aus verschiedenen Welten.

(1)  https://www.egovernment-computing.de/deutschland-braucht-innovative-it-dienstleister-a-958502/

Bildquelle: Ryan Quintal / Unsplash

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