Bereits vor über 20 Jahren gab es Maßnahmen und Projekte, um das „virtuelle Rathaus“ Wirklichkeit werden zu lassen. Nicht mehr die Bürger sollten laufen, sondern die Daten – so die „Zukunftsvision“. Mehr als zwei Jahrzehnte später sind nun satte drei Milliarden Euro aus dem Konjunkturpaket notwendig – alleine für das OZG. Warum sind wir in Deutschland nicht weiter? Ist das Ziel 2022 zu schaffen? Welche Rolle kann modellbasierte Entwicklung spielen?

Ein Gespräch mit Janos Standt, stellvertretender Leiter Public Sektor, über den Stand der OZG-Umsetzungen und mögliche Lösungswegen bis Ende 2022.
Länge: 14:25 Minuten

Transkript des Podcast-Gesprächs

Daniel Rasch: Hallo zu einer neuen Folge des MGM Podcasts. Heute geht es um ein Thema aus dem Public-Sektor, genauer gesagt um das OZG, das Onlinezugangsgesetz, und modellbasierte Softwareentwicklung. Dazu spreche ich mit meinem Kollegen Janos Standt, er ist stellvertretender Leiter Public Sektor und sitzt in Köln. Hallo Janos.

Janos Standt: Ja, hallo Daniel.

Bei dieser ersten Public-Sektor-Folge ist die Frage unumgänglich: Warum stehen wir da, wo wir stehen. Also konkret: 1999 gab es zum Beispiel einen Wettbewerb, Media@Komm hieß der, da gab es sage und schreibe noch 20 Millionen DM für drei Siegerstädte. Dann hatten wir den Aktionsplan Deutschland Online, den IT-Staatsvertrag et cetera. Woran liegt es deiner Ansicht nach, dass wir Bürgerinnen/Bürger und Unternehmen immer noch in die Amtsstuben müssen, anstatt das Ganze online zu erledigen?

Gerade vor dem Hintergrund dieses Rückblicks über zwanzig Jahre denke ich, dass einfach lange Zeit das Thema nicht ernsthaft angegangen wurde. Ich glaube, das ist so pauschal die richtige Aussage. Und jetzt über das OZG-Gesetz ist das ganze Thema zum ersten Mal wirklich mit Druck und Nachdruck auf die Agenda von Kommunen, Ländern, Behörden und vom Ministerium gekommen.

Aber wo liegt der Kern? Ist es fehlender Wille? Liegt es am Mindset? Oder dann doch zu wenig Geld? Befindlichkeiten vielleicht untereinander?

Ich halte das wirklich für eine fehlende Priorität, die man diesem Thema zugeordnet hat in der Vergangenheit. Da gibt es sicherlich Ausnahmen, bestimmte Bereiche sind ja sehr digital, beispielsweise die Steuer mit „Mein ELSTER“. Da ist ein Bereich, der seitdem sukzessive das Thema vorangebracht hat. Aber das fehlt gerade bei den Services rund um das OZG, die wir als Bürger kommunal einsetzen wollen.

Der OZG-Termin 2022 ist nicht zu halten – oder doch?

Nun sagen aber schon die ersten Brancheninsider, meistens nicht mit Namen genannt, dass das OZG gar nicht zu halten ist, also in knapp zweieinhalb Jahren 575 Leistungen zu digitalisieren. Hast du da eine Einschätzung zu: Wie könnte man das trotzdem noch schaffen?

Da hilft wirklich der Ansatz, der mit den Digitalisierungslaboren verfolgt wird, die Auswahl bestimmter Lebenslagen.

Das sehe ich auch so: Es wird nicht alles umgesetzt werden von Hamburg, München bis rein in die kleinen Kommunen. Da wird sicherlich das eine oder andere auf der Strecke bleiben. Das Wichtige ist natürlich der Blick auf die Themen, die eine große Bedeutung haben aufgrund hoher Fallzahlen, aufgrund der Komplexität, die umgesetzt werden soll. Da hilft wirklich der Ansatz, der mit den Digitalisierungslaboren verfolgt wird, die Auswahl bestimmter Lebenslagen. Da passiert gerade eine Priorisierung, die sehr eng am Bedarf ist, und jetzt muss umgesetzt werden. Aber 2022 ist tatsächlich nicht mehr lang hin. Insbesondere wenn man sich überlegt, dass bestimmte Themen gegebenenfalls in einem Ausschreibungsverfahren hereinlaufen sollten und noch umgesetzt werden müssen. Das wird eine enge Kiste. Wir sind aber zumindest jetzt in den Startlöchern. Das Thema hat wirklich die Priorität bekommen, die es bedarf, und wir sehen auch erste gute Lösungsansätze.

Reicht denn die Priorität, die es jetzt gibt, dafür aus, um mit klassischer Softwareentwicklung das noch zu wuppen? In der Regel sind Softwareprodukte ganz oft Out of Time, Budget und Quality.

Ja, absolut, das stimmt natürlich. Man muss gucken, was wirklich umgesetzt wird. Ist es nur der Antrag, den ich digital realisieren möchte, um mein Ziel OZG-Umsetzung 2022, das Interface zum Bürger und zum Unternehmen, wirklich abzubilden? Dann lässt sich eine Menge machen. Es gibt unterschiedliche Formularserver-Betreiber, die sind auch zum Teil wirklich schon gesetzt in Ländern auf kommunaler Ebene und in den Ministerien. Das hilft sicherlich, konzeptionelle Arbeit zu tun, das ist aber nur ein gewisses Feigenblatt.

Wenn es wirklich darum geht, dann einen Prozess digital abzubilden, nämlich von der Antragstellung bis rein zum Verwaltungsmitarbeiter, dann sind herkömmliche Softwareentwicklungsprojekte nicht der richtige Ansatz. Weil schon alleine die Pflichtenhefterstellung, die Durchdeklination dessen, was da benötigt wird – Umsetzung, Testing und so weiter – und das am besten noch im Wasserfallansatz, wird nicht funktionieren. Und das ist ein Bereich, in dem wir glauben: Es muss ein Weg gefunden werden, der gangbar ist. Die Behörden müssen die Möglichkeit bekommen, wirklich die gesamte Fachlichkeit selber durchzudeklinieren. Und da schlagen wir die modellbasierte Entwicklung vor, um möglichst viel in die Hände der Fachabteilungen zu geben und herauszunehmen aus dem Entwicklungsprozess.

Fachlichkeit sind beispielsweise die Datenfelder, die man benötigt für die Bearbeitung eines Antrags und für die Kontrolle im Fachverfahren.

Was ist diese modellbasierte Entwicklung? Wie funktioniert das? Lässt sich das in ein, zwei, drei Sätzen sagen?

Ja. Das ist der Ansatz, Fachlichkeit in Modelle zu gießen. Und was ist Fachlichkeit? Fachlichkeit sind beispielsweise die Datenfelder, die man benötigt für die Bearbeitung eines Antrags und für die Kontrolle im Fachverfahren. Das sind Regeln, die es gibt, Prozesse. Also all das, was eigentlich die Behörde beschreibt, wenn sie sagt, wie eine Anwendung aussehen soll. Und das macht sehr viel aus von einer Anwendung. Im Zweifel sind das vierzig bis siebzig Prozent einer Anwendung. Schnittstellen gehören nicht dazu, die müssen natürlich entwickelt werden. Das liegt in der Hand von Entwicklern. Also gerade im Backend-Bereich muss eine Menge getan werden, gerade in der heterogenen, komplexen IT-Landschaft, die es gibt. Nur, ich kann damit schon einen Riesenbatzen Arbeit abfedern und abfangen und die Umsetzung des OZG beschleunigen.

Das heißt dass die Fachbereiche, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den Verwaltungen, einen Teil der Entwicklung übernehmen durch diese Modellierung?

Genauso ist das, genau das ist der Ansatz. Das ist das, was in der Steuer beispielsweise passiert. Da wird alles, was es an Gesetzesänderungen gibt und neuen Gesetzen auch, im Kontext der Grundsteuer beispielsweise, durchdekliniert von den Fachseiten der Steuerbehörden und muss nicht mehr entwicklungsseitig gemacht werden.

Datenmodelle: Grundlage für zukünftige Entwicklungen beim OZG & Co.

Und das hilft nur in der Umsetzungsphase, zum Beispiel bis Ende 2022? Oder auch darüber hinaus im alltäglichen Betrieb sozusagen?

Der Einsatz von Modellen hat ganz weitreichende Effekte, weil diese Modelle wiederverwendbar sind. Das heißt also, wenn ich ein Modell erstelle, in dem ich sage, welche Determinanten eigentlich relevant sind für ein Verfahren, wie die Regeln lauten, dann lassen sich diese Modelle auch für eine Oberflächengestaltung im Web verwenden. Oder im Zweifel für den Aufbau einer Chatbots für den Kommunikationsablauf. Die Regeln, die ich beispielsweise im Frontend gegenüber dem Antragsteller zur Validierung und Sicherstellung nehme, dass die Angaben korrekt sind. Die kann ich natürlich auch 1:1 im Fachverfahren selber verwenden und anreichern. Das heißt die Modelle, die gebaut werden, erfüllen vielfältigste Zwecke.

Und ein wichtiger Aspekt dabei ist: Diese Modelle, die überleben im Zweifel Architekturwechsel und machen diese viel, viel einfacher. Weil ich nicht mehr den gesamten Source Code neu schreiben muss, wenn ich migriere von einer Architektur, von einer Sprache auf eine andere, sondern das wieder reduzieren kann auf den wirklichen Code-Teil, der nicht durch Modelle generiert wird.

Klingt nach einem größeren Change, zumindest im Vergleich zu einem klassischen Softwareentwicklungsprozess. Das ist ja auch auf der Zeitachse zu berücksichtigen. Kauft man sich durch so eine modellbasierte Entwicklung ein, dass es dann doch länger dauert? Weil, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mitzunehmen, dann eigentlich zwar nachhaltig ist, aber trotzdem den Zielpunkt 2022 nicht einhalten lässt?

Mitarbeiter im Kontext der Digitalisierung mitzunehmen ist ohnehin eine Herausforderung in den Verwaltungen. Da wird aktuell aber eine Menge hereininvestiert. Das hört man auch auf jedem Kongress. Das ist genau ein Thema, das auf der Agenda ganz oben steht. Jetzt wirklich die Mitarbeiter zu schulen für den modellbasierten Ansatz, ist im Vergleich der geringere Aufwand. Also nach zwei Tagen Schulung kann jemand geschult werden, der eine gewisse Affinität hat in logische Denkstrukturen oder IT-Anwendungen, um dann selber bereits Modelle zu definieren. Und dann gewinne ich extrem Speed.

Das heißt also, der Schulungsaufwand ist natürlich da. Man wird sich überlegen müssen: Wer sind die richtigen Kollegen, die unterstützen können? Die bekommt man aber sehr schnell abgeholt. Das Schöne ist, dass die Kollegen sehr, sehr schnell sichtbare Erfolge haben, weil sie sehr, sehr schnell Prototypen sehen können, die dann weiter wachsen können zu ausgewachsenen Anwendungen, die sich integrieren lassen in komplexe, heterogene Landschaften und dann wirklich ein Kern werden in der IT-Infrastruktur von einer Behörde.

Das Komplexe in Deutschland und an unserer föderalen Struktur ist, dass natürlich unzählige Kombinationen von Lösungen existieren.

Nun soll ja ein anderer Beschleuniger das Einer-für-Alle-Prinzip sein, also die Wiederverwertbarkeit von Lösungen. Kann denn überhaupt zum Beispiel, wenn wir bei euch bleiben, eine OZG-Umsetzung von Köln in Düsseldorf – gefährliches Pflaster – oder umgekehrt die Düsseldorfer eine Kölner Lösung übernehmen?

Das Komplexe in Deutschland und an unserer föderalen Struktur ist, dass natürlich unzählige Kombinationen von Lösungen existieren. Da gibt es Portallösungen, der Dataport in den nordischen Ländern, es gibt Portale in Baden-Württemberg und dergleichen. Dann gibt es unterschiedliche Formularserverbetreiber, unterschiedlichste Fachverfahren für ein und das gleiche Thema. Und wenn ich mir die unterschiedlichen Ebenen angucke, wie viele Kombinationsmöglichkeiten es gibt, dann wird schnell transparent, dass es da eine Komplexität gibt, mit der wir leben müssen. Das wird natürlich eine Wiederverwertbarkeit im Zweifel an der einen oder anderen Stelle behindern. Das heißt also ein Blueprint, die Umsetzung eines Digitallaborergebnisses in einer Kommune im Westen Deutschlands, die hat im Zweifel nicht wirklich eine Wiederverwertbarkeit in einem ganz anderen Teil Deutschlands.

Ist es also mehr eine rechtliche Frage und eine Frage der Regelungen vor Ort in Kommunen und Ländern als eine technische?

Das ist primär eine technische. Das heißt also wenn, wie gesagt, eine bestimmte IT-Infrastruktur gegeben ist mit einem Fachverfahrenshersteller, mit einem IT-Dienstleister, der in einer Kommune irgendetwas tut und macht unter Verwendung einer bestimmten Architektur, unter Verwendung eines bestimmten Formularservers, dann setzt das sehr, sehr wichtige Rahmenbedingungen vor. Und diese Rahmenbedingung, die wird man innerhalb kürzester Zeit, innerhalb von den verbleibenden Monaten bis Ende 2022 nicht ändern können, das sind zum großen Teil gesetzte Parameter. Und die haben einen Einfluss darauf, wie wiederverwertbar ein Ergebnis aus einem bestimmten Digitallabor ist, also ein Blueprint. Kann ich den umsetzen oder nicht?

Das ist eine gute Überleitung zu meiner letzten Frage. Auch, um den Bogen zu schließen zum Anfang. Die erwähnten zwanzig Jahre virtuelles Rathaus, so hieß es damals: Wo glaubst du, stehen wir 2025, also in fünf Jahren, also einige Jahre nach zumindest dem offiziellen Ende vom OZG?

Das ist doch ganz schön. 2025 sollten wir das Ergebnis erreicht haben, was du in diesem Artikel von – wann war das …

… 1999 …

… auch bereits umrissen hast. Also ich glaube, bis dahin werden wir tatsächlich unsere Behördengänge, zumindest die relevanten, die man als Bürger macht in einem Leben, größtenteils digital realisieren. Da sehe ich dann keine Probleme mehr.

Wir nehmen dich beim Wort. Vielen Dank, Janos.

 

Siehe auch Blog-Artikel „Warum sich das OZG für modellbasierte Entwicklung interessieren sollte“

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