Insurtech-Unternehmen verkörpern technische Innovation, optimieren Geschäftsprozesse und treiben die digitale Transformation der Branche voran. Jetzt dringen immer mehr diser Startups auch in den Bereich Gewerbe- und Industrieversicherung vor.

Ignorieren oder investieren? Geht es um Insurtechs, hat sich die Versicherungsbranche längst entschieden: 2017 steckten Investoren weltweit rund 1,6 Milliarden US-Dollar in Insurtech-Firmen. Allein in Deutschland gingen mehr als 74 Millionen US-Dollar an Startups aus der Szene. Die riesigen Investitionssummen werden nur noch von den Erwartungen an die neuen Player auf dem Spielfeld übertroffen. Schneller, effizienter, kundenfreundlicher – das sind die Verheißungen, mit denen die neuen Marktteilnehmer in Konkurrenz zu etablierten Versicherern treten. So mancher Experte befürchtet, dass die erfolgshungrigen Jungunternehmen die „Branche zerreißen“.

Insurtechs: agil, aber ohne Marktkenntnisse

Der Fehdehandschuh ist also hingeworfen, aber mit welchen Pfunden wuchern die Insurtech-Firmen konkret? Bislang setzen die Startups vor allem auf Services im B2C-Bereich auf Vertriebsseite – etwa, indem sie Endkunden anbieten, online oder via Smartphone-App Tarife zu vergleichen und neue Policen abzuschließen. Zu den frisch entstandenen Angeboten zählen auch digitale Ordner- und Verwaltungssysteme für Versicherungen – zum Beispiel knip oder Clarke. Der grundsätzliche Vorteil dieser Insurtechs: Digitalisierung first! Insurtechs müssen sich nicht mit Hürden wie veralteten IT-Systemen herumschlagen. Stattdessen sind sie schnell am Markt präsent und passen sich dank schlanker Strukturen an die Anforderungen ihrer Kunden und Partner an. Diese Flexibilität hilft gerade den traditionellen Versicherern, die nur langsam Innovationen umsetzen.

Die Marktmechanismen sorgen für eine naütrliche Bereinigung – nicht alle Insurtechs werden überleben.

Doch es gibt auch Nachteile: Viele Insurtech-Firmen tun sich schwer damit, erfolgreich in das Kerngeschäft der Versicherer vorzudringen. Mangelnde Branchenkenntnis ist einer der Gründe dafür. Das fehlende Offline-Vertriebsnetzwerk, das viele etalierte Versicherer besitzen, ein anderer. Ein PoS wie die Versicherungsfiliale um die Ecke bietet eine persönliche Kundenbetreuung, die ein Insurtech in der Regel nicht leisten kann. Hinzu kommt die ungewisse Zukunft der frisch gegründeten Firmen. Der Konkurrenzkampf ist bereits eröffnet – dabei wird es Sieger und Verlierer geben.

Digitalisierung – die Suche nach dem heiligen Gral

Entlang der Wertschöpfungskette der Assekuranz steckt viel Potenzial für neuartige Lösungen – vom Underwriting und der Bestandsführung über das Schadensmanagement bis hin zum Billing. Gerade im industriellem Sektor eröffnen sich daher für Insurtechs die Möglichkeit, Marktlücken zu besetzen. Vielleicht lohnt es sich daher viel mehr, eine Friedenstaube zu entsenden. Kooperationen von Insurtechs mit traditionellen Versicherern anstatt offener Wettbewerb sind im B2B-Segment womöglich der heilige Gral.

Insurtechs: zwischen Hype und Heilsbringer
Versicherer und Insurtechs: Gemeinsam den digitalen Wandel realisieren? © pixabay

Während erfolgreiche Versicherungsunternehmen die Expertise im industriellen Marktbereich mitbringen, punkten Startups mit ihrem IT-Know-how. Sie bieten die exklusive Option, neue Technik in die Domäne der Versicherer zu integrieren. Das kann die Assekuranz ohne externe Unterstützung nicht – es fehlt häufig an IT-Kompetenz. Von diesem Modell profitieren beide Seiten. Beispiele dafür sind neue Handelsplätze wie Finanzchef24.de oder Sobrado aus der Schweiz, die mit etablierten Industrieversicherern zusammenarbeiten – oder bereits zu ihnen gehören.

Insurtechs vs. Versicherer: Solo oder Duett?

Für eine Kooperation muss der Partner gewisse Anforderungen erfüllen – sowohl, was die Abbildung des Portfolios als auch die technischen Voraussetzungen angeht. Nur so ist die Basis gegeben, dass die digitale Infrastruktur auf beiden Seiten ineinandergreifen kann. Wichtig ist, dass das Insurtech-Unternehmen die Ziele des Partners versteht.

Zudem sind folgende Qualifikationen wichtig:

  • hohe Produktkompetenz,
  • großer Kundenzugang und
  • ideale Kundenerfahrung.

Je nach Geschäftstyp und Produktangebot eignet sich aus Sicht des Versicherers entweder ein Insurtech oder ein etabliertes Projekthaus besser für eine Digitalisierungsoffensive. Die genannten Faktoren unterstützen die Findungsphase. Ein bewährtes IT-Unternehmen zu beauftragen, hat seinen Preis. Dafür bietet das Projekthaus eine große fachliche Kompetenz sowie erprobte Strukturen und Workflows. Das sorgt für Sicherheit und erleichtert die Zusammenarbeit. Das Insurtech punktet dagegen mit frischen, vielleicht auch unkonventionellen Ideen. Letztlich hängt die Entscheidung von der individuellen Situation als Unternehmen ab und wie sich der jeweilige Industrieversicherer im Markt positionieren will. Schließlich ist es auch legitim, sich primär aus strategischen Gründen für Insurtechs zu interessieren und das Ziel Gewinnmaximierung ist zweitrangig.

Insurtechs: zwischen Hype und Heilsbringer
Der Hype um die Insurtechs hält an. © pixabay

Der Schwerpunkt einer Zusammenarbeit könnte sein, Vertriebsprozesse zwischen Maklern und Versicherern zu digitalisieren und damit zu automatisieren. Ein Beispiel: In der Regel holen Makler bei Industrieversicherern via Email, Fax oder Telefon Angebote ein. Könnte der Makler stattdessen ein Webportal des Versicherers nutzen, über das er Anfragen stellt und automatisch Rückmeldung erhält, reduziert das seinen Aufwand deutlich. Gleichzeitig profitiert auch der Versicherer, da er einen neuartigen Vertriebskanal für standardisierte Produkte etabliert – ein wichtiges Ziel vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Portal bedeutet in diesem Fall aber nicht ein generisches Portal für alle Vertriebspartner, sondern eher viele kleine, partner- und vertriebskontextspezifische Digital Point of Sales. So oder so entsteht eine auf dem Kunden zugeschnittene Web-Lösung, die das Insurtech umsetzt – eine Win-Win-Situation für die Partner.

Fazit: die Weichen sind gestellt – quo vadis Insurtech?

Gerade für den Bereich Industrieversicherung bleiben noch viele Fragen offen. Wie schlagen sich die Insurtech-Unternehmen auf dem Markt und formen ihn? Welche Arten von Policen werden die Distribution bestimmen? Wird es mittelfristig einen Marktplatz geben, der sich – ähnlich wie Amazon im E-Commerce-Bereich – zu einem unverzichtbaren Distributionskanal entwickelt?

Klar ist: Um nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen Insurtechs im Idealfall Versicherungsverwaltungswissen mit IT-Expertise kombinieren. Und sie sollten die Natur Ihres Geschäfts kultivieren. Das bedeutet, Insurtechs sind in der Lage, individuelle Vereinbarungen zwischen dem Versicherer und dem Vertrieb möglichst effizient abzubilden. Dabei ist der technische Vorsprung entscheidend, denn damit schaffen Insurtechs einen Innovationsschritt, von dem wiederum jeder etablierte Versicherer profitieren kann. Für Insurtechs ist es wie für jeden Industrieversicherer wichtig, eine Reputation aufbauen, damit Unternehmen ihnen Vertrauen schenken und (weiter) investieren.

Bildquelle (alle Fotos): pixabay

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